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Der Vertrieb derBenz-Automobile ab 1888

Text und Fotos: Mercedes-Benz

Der französische Ingenieur und Konstrukteur Emile Roger  erhält im Frühjahr 1888 in Paris die alleinige Vertretung für Benz-Fahrzeuge und -Motoren in Frankreich. Damit gewinnt Carl Benz nicht nur einen leistungsstarken Vertriebspartner, denn Roger verkauft die Fahrzeuge aus Deutschland mit großem Erfolg; gleichzeitig markiert dieser Schritt den Beginn des Auslandsvertriebs für Benz.

 

Rennen Paris – Bordeaux am 14. Juni 1895: Emile Roger nutzt einen Benz Vis-à-Vis und belegt Rang acht. Nicht überliefert ist, welcher Herr auf dem Fahrzeug Roger ist.


Das Automobil ist im Jahr 1888 noch jung. Gerade mal zwei Jahre zuvor haben Carl Benz und dessen Konkurrent Gottlieb Daimler – unabhängig voneinander – das neuartige Fortbewegungsmittel erfunden. Während Daimler immer auch die Vermarktung im Blick hat (für innovative Technik sorgt vor allem sein Weggefährte Wilhelm Maybach), tut Benz sich damit etwas schwer. Er ist der tüftelnde Ingenieur, der zwar an den Erfolg seiner Erfindung glaubt, der sich aber lieber der Arbeit in der Werkstatt widmet als dem Vertrieb. Doch er weiß: Die Weiterentwicklung kann nur ein erfolgreicher Fahrzeugverkauf finanzieren. In Emile Roger findet er dafür den richtigen Partner.

 

Der Franzose ist bereits Vertreter der Gasmotoren von Benz in Paris, hat also Kontakt zum Mannheimer Unternehmen. Anfang 1888 sieht der französische Ingenieur in Mannheim bei Benz einen der ersten Dreiradwagen. Roger erkennt die Tragweite der Erfindung und auch deren Vermarktungsfähigkeit. „Nach einer Probefahrt und nachdem ich ihm die nötigen Handgriffe bei der Steuerung und Bedienung des Wagens beigebracht hatte, ließ Monsieur Roger den Wagen verladen, bezahlte und dampfte mit seinem Kaufe ab“, berichtet Carl Benz rückblickend 1913 in der „Allgemeinen Automobil-Zeitung“. Roger übernimmt kurz darauf nicht nur den Vertrieb der Fahrzeuge von Benz in Paris, sondern versucht auch, einen internationalen Vertrieb aufzubauen.



Roger als erster Vertreter der Mannheimer Fabrik bringt in der Anfangszeit die meisten Autos an den Mann. Bis 1893 verkauft Benz von den insgesamt 69 produzierten Autos gut 60 Prozent nach Frankreich. Erst der Erfolg seiner Erfindung auf dem französischen Markt markiert für Carl Benz den Beginn der Fabrikation: In Deutschland finden sie zu dem Zeitpunkt keine Käufer, wie er 1914 in einem Brief an die Leitung des South Kensington Museums in London schreibt. „Erst als [Emile] Roger in Paris diese Neuerung bekannt gemacht hatte und einige Wagen dort eingeführt und verkauft waren, worunter auch einer an Panhard & Levassor schon im Jahre 1888, konnten wir die Fabrikation regelrecht aufnehmen und hatten dann auch vollauf zu tun.“ Bis zur Jahrhundertwende liefert Benz dann etwa ein Drittel der gesamten Produktion von gut 2300 Automobilen nach Frankreich.

 

Roger erhält das alleinige Vertriebsrecht für Frankreich und das übrige Ausland. Er richtet in Paris eine kleine Fabrik ein, lässt dort die aus Mannheim gelieferten Teile in einem selbstgebauten Chassis zu einem Fahrzeug zusammensetzen und bringt es unter dem Namen Roger-Motorwagen auf den Markt. Benz verlangt aber schon bald den Bezug kompletter Fahrzeuge, weil nur so die Sicherheit der Konstruktion gewährleistet sei. Allerdings führt Roger als Gegenargument die hohen Zollkosten an: Das Auto würde so teuer, dass es in Frankreich unverkäuflich sei.

 

Ganz nebenbei sichert sich Roger auf diese Weise in Frankreich aber eine Zeit lang auch den Ruf, er habe den straßentauglichen Motorwagen erfunden. Diesen Eindruck unterstreicht er auch in Prospekten über die pferdelosen Wagen, in denen der Name Benz gar nicht auftaucht und er sich als Ingenieur-Konstrukteur bezeichnet. Dass sich Emile Roger mit fremden Federn schmückt, zeigt auch der Brief von Carl Benz aus dem Jahr 1914 an das South Kensington Museum. Der Leiter hatte ihn um eine authentische Auskunft über den Motorwagen aus dem Jahr 1888 gebeten, der damals gerade in den Besitz des Museums übergegangen ist und der eine Roger-Plakette trägt. „Bezüglich der Wagen mit vertikaler Kurbelachse und horizontal gelagertem Schwungrad des Motors kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass sie von mir gebaut und von Roger Paris nur verkauft wurden, da Roger selbst überhaupt weder die Motoren noch die Wagen jemals selbst baute, sondern Alles von uns bezog.“

 

Rennveranstaltungen als Teil der Verkaufsstrategie
Die Verkaufsstrategie Rogers ist jedoch erfolgreich. Er nutzt die zahlreichen Rennveranstaltungen der damaligen Zeit, auf denen er anders als konkurrierende Fahrzeuge überhaupt ankommt und vordere Plätze belegt, um die Fahrzeuge von Benz einem breiteren Publikum vorzustellen. Er vergisst allerdings auch hier geflissentlich, den Namen Benz zu erwähnen. Im Juli 1894 fährt Roger beim ersten „Internationalen Wettbewerb für Wagen ohne Pferde“ auf der Strecke Paris – Rouen mit. Er bekommt den fünften Preis zugesprochen, mit ausdrücklicher Erwähnung der „gelungenen Änderungen, die er am Petroleumwagen vorgenommen hat“.

 

Beim zweiten Internationalen Wettbewerb ein Jahr später ist Carl Benz gewarnt, dass sein Name abermals unter den Tisch fallen würde, und schickt aus Mannheim Hans Thum und Fritz Held auf die Strecke Paris – Bordeaux – Paris. Die beiden steuern das Auto auf der knapp 1200 Kilometer langen Strecke abwechselnd. Hans Thum kommt nach einigen Widrigkeiten als fünfter ins Ziel, Emile Roger sichert sich Platz acht. Die Plätze eins bis vier belegen Fahrzeuge mit Daimler Motoren, wie auch die Plätze sechs und sieben.

 

1896 kommt der endgültige Durchbruch für Carl Benz. Für die Fernfahrt Paris – Marseille – Paris im September des Jahres lässt er unter seiner persönlichen Aufsicht zwei Wagen bauen, einen „Vis-à-Vis“ und einen „Phaeton“. Von 50 gestarteten Autos kommen überhaupt nur neun an, darunter aber beide Benz. Nachdem Benz das Durchhaltevermögen seiner Wagen bewiesen hat, gehen auf einen Schlag 200 Bestellungen für das „Velociped“ ein. Und auch die erste Taxameter-Droschke nach der Konstruktion von Benz läuft daraufhin in Paris: Im Dezember 1896 vermutet die Zeitschrift „La Nature“, dass sich diese Autodroschken schon alleine deshalb durchsetzen werden, weil sie mit ihren drei Meter Länge zwei Meter kürzer seien als Pferdedroschken. Dem „Controllbuch der abgegangenen Patent-Motor-Wagen“ zufolge, das im Archiv der Daimler AG vorhanden ist, liefert Benz 1897 insgesamt 121 Wagen nach Frankreich und damit doppelt so viele wie im Jahr zuvor.



Wie rege Roger ist, zeigt das Beispiel des Patent-Motorwagens Modell III aus dem Jahr 1888, der heute im Besitz des Science Museum in London ist. Er ist der älteste bekannte Patent-Motorwagen im Originalzustand. Er gelangt über Roger nach Großbritannien, wie eine Plakette am Fahrzeug beweist, und mit großer Wahrscheinlichkeit ist es das erste Fahrzeug mit Benzinmotor, das in England betrieben worden ist. Es hat eine Vis-á-Vis-Sitzbank und ursprünglich auch ein Leder-Faltverdeck sowie Holzspeichenräder.


Benz Patent-Motorwagen Typ III, zeitgenössische Aufnahme: Solch ein Fahrzeug aus dem Jahr 1888 gelangte über Emile Roger nach Großbritannien, wie eine Plakette beweist. Es ist heute der älteste bekannte Patent-Motorwagen im Originalzustand.

Es ist unbekannt, an wen Roger das Fahrzeug verkauft. Als sicher gilt, dass er das Modell III auf der Weltausstellung 1889 in Paris präsentiert. Wahrscheinlich sieht der englische Käufer das Fahrzeug in Paris und bringt das Technikwunder auf die Insel. Das Science Museum kauft es 1913 für fünf Pfund von einer Miss E. B. Bath aus King’s Lynn, Norfolk. Diese hat den Benz von ihrem Bruder erhalten, der in der Automobilbranche tätig ist. Das Science Museum setzt das Fahrzeug bis Ende der 1950er Jahre regelmäßig bei Veranstaltungen ein, bevor es im Museum ausgestellt wird. Im Jahr 2007 gelangt es erstmals wieder nach Deutschland zurück und ist zunächst im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg zu sehen. Von Januar bis November 2008 ist das Fahrzeug im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart zu sehen.

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