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Wolfgangs Liebling

Ein 280 SL für's Leben

Text und Fotos: Wolfgang Kreil

24. Mai 1976: ein sonniger Frühlingstag in Sindelfingen, Deutschland. In Wien stand die Reichsbrücke noch einige Tage lang, ehe sie am 1. August der Schwerkraft nachgab und einstürzte. Niki Lauda hatte das Nürburgring-Rennen mit seinem schrecklichen Feuerunfall noch vor sich, Franz Klammer hatte sein Abfahrts-Olympiagold schon vor drei Monaten in Innsbruck erkämpft. Im Radio spielte der Siegertitel des Songcontest ‚Save your kisses for me‘ von Brotherhood of Man und Waterloo & Robinson sangen ‚My little world‘.

 

In Wien Margareten ging ich gerade 10 Jahre und 10 Tage alt von der Volksschule heim. Versunken in zwiespältigen Gedanken an die bevorstehende Schullandwoche in Mariazell, welche der krönende Abschluss meiner Volksschullaufbahn sein sollte.

 

Fast 600 Kilometer entfernt lief ein Mercedes 280 SL der Baureihe R107 in ikonengoldmetallic (Code 419) mit dunkelblauer MB-Tex Ausstattung (Code U40) und Becker Mexiko Kassettenradio vom Montageband. Ab Mai 1974 wurde dieses Model mit dem 2,8 Liter Reihensechszylinder (M110) ausgeliefert. Es war die Ölkrise, welche die Entscheidung für ein ‚kleineres’ Modell neben den V8 Versionen 350 SL und 450 SL herbeiführte.

 

Der 280 SL bei der Tullner Oldtimermesse 2006

 

Der Benzinverbrauch auf 100 km wurde mit 15,5 l angegeben. Aus persönlicher Erfahrung kann ich 14 Liter pro 100 km bestätigen, es gibt aber immer wieder Berichte von SL-Fahrern, die auch von nur etwas über 12 Liter sprechen. Vielleicht liegt es ja doch an meiner Fahrweise? Der Sechszylindermotor zeichnet sich durch Langlebigkeit und Robustheit aus. Meiner hat jetzt 177.000 km auf dem Tacho. Die früheren Modelle bis ins Jahr 1976 hinein haben die elektronische Bosch D-Jetronic Einspritzanlage. Solange sie korrekt eingestellt ist und nicht durch Nässe lahm gelegt wird, ist diese Einspritzanlage problemlos. Noch heute dreht der Motor problemlos bis 6.000 rpm hoch, ohne, dass man sich Sorgen machen müsste.

 

Dieser 280er hat ein 4-Gang Schaltgetriebe, es wurden aber auch wenige Modelle mit einem 5.-Gang zum Benzin sparenden fahren auf der Autobahn hergestellt. Eine weitere ‚hörbare’ Eigenschaft des ‚kleinen Modells’ ist sein kerniger Auspuffklang. Nie zu aufdringlich, aber so vernehmlich, dass jeder Startvorgang mit einer Gänsehaut aus Vorfreude beginnt. Gerne lassen sich 280 SL Genießer vor Tunnels etwas zurückfallen, um dann ab ca. 4000 Touren den Sound beim Beschleunigen akustisch zu inhalieren…

 

Mein 280 SL ging zunächst zum Basispreis von 34.333 DM an seinen Erstbesitzer, er betrieb in Hof an der Saale eine Bar. Sicher war der goldene SL das ‚Dorfgespräch’ dieser Zeit. Vom aufregenden Nachtleben führte das Schicksal meinen 280er zu einer Gemüsehändlerin in Rohrschach am Bodensee. Irgendwann dürfte der Gemüsehandel nicht mehr so viel abgeworfen haben. Der SL wurde von der Bank eingezogen. Von dort ging er 1991 an den Vorbesitzer, der ihn als Überraschung für seine Frau zum 50. Geburtstag kaufte. Es ging dann weiter mit den neuen Besitzern in die Schweiz. Im Serviceheft erkennt man dort die strengen eidgenössischen Abgastests mit ihren Profilen. Offensichtlich entsprach der natürlich kat-lose Mercedes immer den Vorschriften. Hier wurde auch das Verdeck erneuert und die Sitze ausgebessert. 2001 übersiedelten die stolzen Besitzer von der Schweiz ins Waldviertel. Dort haben wir, meinen 280er und ich, uns dann im Mai 2004 per Zufall gefunden.

 

Es leben sehr nette Menschen mit noch genügend Vertrauen in die Anständigkeit der Mitmenschen dort im Waldviertel. Eigentlich war ich mit meinem fachkundigen Freund Robert auf der Suche nach einem 126er Coupe gewesen, aber was immer wir an diesem Tag besichtigten, es waren Leichen…

 

Bei der Ortseinfahrt von Gmünd stieß mein Beifahrer einen Schrei aus und forderte mich auf zu wenden. ‚Da steht ein SL beim Opelhändler vor der Türe’, zuerst dachte ich, er hat aus Enttäuschung über die vielen unansehnlichen 126er schon Visionen… Er hatte recht, da stand er! Die Besichtigung und die Probefahrt waren ohne irgendwelche ‚Sicherheitsvorkehrungen’ möglich, einfach Schlüssel holen, ansehen, fahren… wunderbar. Es wurde immer schlimmer, wir fanden keinen Grund den SL nicht mitzunehmen. Das Cabrio war so wie es heute dasteht, nur die Zündkabel, welche der Marder zerbissen hatte wurden getauscht. Sonst nix. Wir hatten blaue Kennzeichen mit und die örtliche Bankfiliale hatte auch noch geöffnet. Das Schicksal hat zugeschlagen.

 

In den nächsten 2 Jahren wurde das Armaturenbrett nachgefärbt und geklebt (eine Krankheit die alle Modelle der 70er und 80er mit blauer Innenausstattung haben) und vor einigen Wochen wurde die Kupplung ausgetauscht. Er hat mich noch nie im Stich gelassen, springt auch nach Wochen sofort an und hat auch schon 2 Tage Dauerregen im Ennstal problemlos überstanden. In den letzten beiden Jahren fuhren wir über 10.000 km miteinander.

 

Die schönste und größte Reise war sicher der Ausflug an die Riviera im Oktober letzten Jahres. Vier 107er Cabrios aus Deutschland und ich machten die Bergstraßen in der ruhigen Nachsaison ‚unsicher’. Naja, es geht uns halt manchmal ein wenig das Temperament durch, wenn die Serpentinen so verführerisch vor uns liegen… Die V8 mit Automatikgetriebe der Serie 2 hatten jedenfalls keine Chance gegen die österreichische ‚Gemse’ ;-)

 

Auch sportlich haben wir uns schon betätigt. Wir wurden Stammgast bei der ARBÖ Classic (dieses Jahr 9.+10.Juni), da dies eine Gleichmässigkeitsrallye mit perfektem Roadbook, hinreißender Streckenführung im Ennstal und leistbaren Startgeld ist. Gerade auch für Anfänger sehr zu empfehlen ! Wer uns als Vorjahressieger die Titelverteilung in der Klasse A3 (Baujahr 1971 – 1980) schwer machen will, sollte dieses Jahr mitfahren.

 

Das 107er Cabrio ist für viele ein ‚Klassiker’ mit modernem Fahrgefühl. Die Technik ist verlässlich, der Wert steigt und das Cabrio ist alltagstauglich. Zusammen mit der S-Klasse W116 (1972-1979) ist der 107er SL das letzte Modell mit viel Chrom, daher wird er manchmal auch liebevoll als ‚Barockengel’ bezeichnet. Meiner Meinung nach haben die Designer (damals Stilistikabteilung) unter Friedrich Geiger sehr gute Arbeit geleistet. Die Aerodynamiker gab es damals auch schon, hatten aber noch nicht soviel mitzureden wie heute. Das erklärt auch den schlechten cW-Wert von 0,46 bzw. 0,42 mit der Staublende der 2. Serie bei geschlossenem Verdeck. Werte die selbst Familien-Van’s von heute leicht unterbieten.

 

Der SL der 70er und 80er Jahre ist das richtige Auto für diejenigen, welche sich auf gute alte Mercedesqualität verlassen wollen und zugleich einen noch leistbaren Oldtimer ihr Eigen nennen wollen. Ich gebe meinen ‚Goldie‘ sicher nicht mehr her, er soll bei mir auch seinen 40er und 50er erleben dürfen!

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