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Das  Automobil

Text: Teodor Herzl (1860-1904)

Dieser Artikel ist am 6. August 1899 im Feuilleton der Tageszeitung "Neue Freie Presse" erschienen.

Vor etwa sechs Jahren saßen einige Pariser und fremde Journalisten an einem Wirtshaustisch in der Nähe des Gymnase-Theaters und führten gute Gespräche. Da warf einer die Frage auf, wie wohl in fünfzig Jahren die Gegend um den Triumphbogen aussehen möchte.

Einen Augenblick schwiegen alle und dachten sich ein Zukunftsbild aus. Dann sagte jemand: "Ich glaube, das Pferd wird von der Straße verschwunden sein."

 

 

Es klang natürlich wie ein lustiges Paradoxon. Die Zukunft hat einen breiten Rücken. Alle unsere Träume können wir ihr aufladen. Das Fahrrad war seit kurzem erfolgreich im Straßengewühl aufgetaucht, und davon ging der Prophet vom Boulevard aus, als er den Untergang der Pferde weissagte. Aber war die Ankündigung wirklich so ungereimt, wie es zuerst schien? Was wäre in einer Zeit unmöglich, die der Welt die Eisenbahn, den Telegrafen, das Telefon und die Übertragung der Kraft durch Elektrizität beschert hat. Der Mensch, Seine Hoheit der Mensch, wird immer mehr durch Maschinen ersetzt; warum nicht auch das Pferd?

 

Von den fünfzig Jahren, von denen damals die Rede war, fehlen noch vierundvierzig; aber wer heute beim Triumphbogen stehen bleibt und die Avenue de la Grande Armee hinuntersieht, wird finden, dass die Vorhersagung rascher sich erfüllt, als man in jener philosophischen Tafelrunde ahnte. In der Avenue der großen Armee sieht man jetzt schon beinahe ebenso viele Fahrzeuge ohne Pferde als mit Pferden. Die Züge der Dampftrambahn eilen rechts und links die lange Zeile auf und ab, ein eigener Asphaltweg ist für die Radfahrer bereitet und zahllose Automobils rasen durch das Gittertor des Boulogner Wäldchens.

 

Die schweren drei Gäule vor dem Omnibus, das lebensmüde Fiakerpferd machen in diesem viel moderneren Treiben den Eindruck einer schüchternen Verarmung. Die Kutscher sitzen gedemütigt auf dem Bock; sie müssen mit Resignation zusehen, wie sie fort und fort überholt werden, jetzt von einem Zweirad und jetzt von einem Dreirad und dann von einem klappernden, ungezogenen Wagen, der ein bisschen üblen Geruch hinter sich zurücklässt. Es ist beinahe dramatisch anzusehen, wie da die neue Zeit die alte überwältigt. Das geschieht ja immer, aber man sieht es nicht immer. Am besten noch auf dem Meere, wenn man mit dem Schraubendampfer an altertümlichen Segelschiffen vorbeikommt. Es gehört nicht mehr viel Phantasie dazu, die weitere Entwicklung zu sehen. Die Maschine wirft alles vor sich nieder, wo sie einmal auftaucht. Sie hat eine Eigenschaft, welche der lebenden Kreatur abgeht. Sie kann nämlich innerhalb einer kurzen Frist verbessert werden, und das geschieht auch wirklich jeden Tag. Wenn man diesen unterhaltenden Gegensatz weiter- spinnen will, vergleiche man beispielsweise, um wie viel die Maschinen seit hundert oder seit fünfzig Jahren vollkommener geworden sind und wie viel die Menschen in der gleichen Periode an guten Eigenschaften zugenommen haben. Aber bleiben wir, um nicht in bittere Betrachtungen hineinzugeraten, bei den Pferden.

 

Was tut man nicht alles, um ihre Zucht zu heben. Es gibt Staatspreise für den schnellsten Renner, Reiter von Profession oder aus Begeisterung setzen ihre Knochen aufs Spiel, breite Schichten der Bevölkerung tragen ihre Ersparnisse zur Wettbude, und am Ende aller dieser Anstrengungen finden sich doch immer Einspänner, die langsam fahren. Wenn es hingegen einmal gelingt, eine Maschine zu veredeln, so ist es ganz ausgeschlossen, dass jemals wieder eine neue Maschine hergestellt werde, die hinter der erreichten Form zurückbleibt. Geflissentlich fabriziert niemand altes Eisen. Kurz, die Maschinen haben gleichsam die Neigung, besser zu werden, was sich mit ebensolcher Bestimmtheit von lebenden Wesen im Allgemeinen nicht behaupten lässt. Merkwürdig ist, wie spät man zum Automobil kam, da die Verkehrstechnik sich so rasch entwickelte.

 

Eigentlich sehen wir jetzt nur die Rückkehr zu einem Früheren. Das Automobil war viele Jahrzehnte hindurch ein vorhandener, aber ruhender Gedanke. Es war sozusagen unter die Schwelle des Kulturbewusstseins gesunken. Der Schienenweg war offenbar eine Erleichterung und ehemals eine Vervollkommnung der Automobilfahrt. Auf schönen, alten englischen Kupferstichen aus den Anfangen des Dampfzeitalters sieht man solche pferdlose Wagen, die sich auf der Landstraße selbständig fortbewegten. Die Zeichner dieser Verrücktheit lassen öfters eine satirische Absicht durchschimmern. So war ja auch das komische Zweirad des Herrn von Drais schon zu Beginn unseres Jahrhunderts wohlbekannt und geriet nachher in Vergessenheit, bis es durch das Glück verschiedener Erfinder von der einfachen Grundform zu seiner jetzigen praktischen Gestalt geführt wurde. Die Entwicklung des Fahrrades mag viel dazu beigetragen haben, dass sich die Mechaniker mit Eifer dem Automobil zuwendeten.

 

Es zeigte sich, wie groß das Bedürfnis nach neuen beweglicheren Verkehrsmitteln war. Man hatte auch gelernt, Fahrzeuge von bisher nicht gewöhnlicher Leichtigkeit aus Stahl und Kautschuk zu bauen, weil die geringe Menschenkraft sie sonst nicht hätte treiben können. Es musste nur noch ein im Verhältnis zum Wagen leichter Motor gefunden werden, dann konnte es mit der Emanzipation der Fahrmaschine vom eisernen Spurweg ernst werden.

 

Diese Befreiung hielt man vor wenigen Jahren noch für ganz unmöglich, weil die Straßenlokomotiven durchaus unpraktisch waren. Ein solcher Dampfwagen war das schwerfälligste Ungetüm von der Welt, und die alten englischen Zeichner behielten Recht mit ihrem Spott. Aber die Erfinder ruhten nicht, bis sie anstelle des Dampfes andere Triebkräfte dienstbar gemacht hatten. Man verwendet jetzt elektrische Akkumulatoren und Benzinmotoren. Wahrscheinlich werden diese mechanischen Kunstwerke, die uns heute un- gemein sinnreich vorkommen, in zehn oder zwanzig Jahren kindisch hilflos aussehen. Wir dürfen die Einfalt unserer Zeit haben und über diese Wunder staunen. Vom Akkumulator wollen wir nicht einmal reden, obwohl das offenbar der Kronprinz ist; man muss schon Respekt vor ihm haben, aber er regiert noch nicht. Es wird eine fabelhafte Zeit kommen, wenn der elektrische Akkumulator sein Reich antreten kann. Die Gewalt von Wind und Wellen in Kästchen verpackt und versendet. Nutzlos verrauschende, unerschöpfliche Naturkräfte eingefangen und den Menschen für Licht und Arbeit und Wohlfahrt zur Verfügung gestellt, welch ein Traum!

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