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Jellinek - Die 6-Liter-Autos

Wenn ich so denk' und lenk' grad nix (die erste Folge aus 1992)

Lieber Freund, laß' Dir erzählen von gar noblen Limousinen mit dem Stern. Ich erinnere mich gut an das Lob der Fachpresse:

 

300 SEL 6;3: "Rennwagen im Nadelstreif" - "Beste Limousine der Welt" - "Absoluter Höhepunkt der Automobiltechnologie" - "Sportwagenfahrleistungen vereint mit Luxusklassenkomfort";

 

450 SEL 6,9: "Noch nie da gewesene Federungseigenschaften" - "best car of the world" - "Schnellste Limousine der Welt"....

 

 

Schön und gut, magst Du einwenden, ist über zwanzig Jahre her die Euphorie und der Jubel und Lobhudelei, aber heute? Du wirst mich für einen Ewiggestrigen oder sonst wie Irren halten, doch ich habe den 300 SEL 6,3, den 450 SEL 6,9 und den neuen 600 SEL gefahren und miteinander verglichen.

 

Lieber Freund, ich starte den Sechsdreier und habe das Gefühl Münchhausen zu sein, erstens weil Ritt auf der Kanonenkugel, zweitens weil Du mir eh nix glauben wirst. Der Dreihunderter ist in erster Linie Motor mit angebautem Wohnzimmer. Der Antrieb des Autos gibt sich kernig und allgegenwärtig mit einem derartigen Übermaß an Drehmoment und Leistung, sodaß moderne turbogeladene Multiventiler im Vergleich wie Erbtantes Diesel aussehen.

 

Der Rudolf Uhlenhaut - kongenialer Chefkonstrukteur in den Sechzigern wollte den Motor des Sechshunderters mit der Karosserie der Dreihunderter kombinieren. Die Konstrukteure der Entwicklungsabteilung erklärten, es sei unmöglich, den Riesenmotor in die verhältnismäßig kleine Karosserie zu verpflanzen. Uhlenhaut nahm einen Vorschlaghammer, prügelte den Kardantunnel so lange größer bis der gewaltige Drehmomentwandler Platz hatte und geboren war der 6,3.

 

Der Geist des Rudolf Uhlenhaut, eines Renn- und Sportwagen-Konstrukteurs ist in diesem Auto immer spürbar und vielleicht war der Wagen deswegen für manchen Nobelkunden zu zickig und zu sportlich ausgelegt. Komfort gibt es im Wohnzimmer genug, die üppigen  Ledersitze, elektrische Fensterheber, Edelholz, Klimaanlage und 4-Gang-Automatik (kein Schaltgetriebe hätte auf Dauer 510 Nm bei 2800 U/min verkraftet) machen es den Insassen leicht sich wohlzufühlen - wenn der Motor und das Fahrwerk nicht wären.

 

Lieber Freund, die Maschin' reißt Dich von der Stelle, Steigungen gibt's nicht, der Motor hat bei 1500 Touren bereits fast 200 PS, man schaltet (läßt schalten) lieber weiter, weil das March gibts bis 3000. Die Luftfederung (bekannt vom Autobus - oh Kotz) ist, bezähmt von massiven Querstabilisatoren an Vorder- und Hinterachse, gar nicht so seidenweich wie die Sage überliefert. Das Wagenniveau wird konstant gehalten und auch damit die Tücken der ungleichen Achslastverteilung (Graugußmonolith unter der Motorhaube). Den Sechsdrei taufe ich "Motor".

 

Den Sechsneun nenne ich "Sänfte", laß' Dir's erklären: Citroen baute schon im mittleren Tertiär Autos mit Hydropneumatik und war Wegbereiter und Synonym für Federungskomfort, bis Mercedes den 450 SEL Mitte der 70er auf den Markt brachte . Die Franzosen wurden - verglichen mit dem Mercedes - zu Scheibtruhen degradiert.  Der Sechsneun war viel verbindlicher, leiser, gutmütiger, einfacher zu fahren als der 6,3. Der Motor trat diskret - obwohl stärker - als unhörbare Antriebsquelle in den Hintergrund, die Automatik schaltete seidenweich. Ein superkomfortables, schnelles (235 km/h), absolut keine Schwächen habendes Traumauto.

 

 

"Ein bisserl fad ist er aber schon, der 6,9 gell?" wirst Du mich fragen. Gar nix ist fad an der Sänfte, sie besticht durch ihre Unauffälligkeit, man wird nicht müde, sich daran zu erfreuen wie perfekt alles - nämlich wirklich alles - funktioniert und harmoniert. Späte Exemplare haben fallweise Tempomat und ABS.

 

Neugierig auf den Neuen? Er heißt "Kino".

Lieber Freund, ich muß Dir "Kino" besonders beschreiben - er ist ja auch was Besonderes. Jede neue S-Klasse verlangt nach Superlativen um sie zu beschreiben, gerade die sind mir aber ausgegangen, also mein Freund schreck Dich nicht, hör zu:

 

Reinsetzen, Türe zu, Film ab. Ich sitze im Gartenbaukino, der Film setzt sich langsam in Bewegung - angenehm ist's da, keine Popcornraschler - ob ich schon fahre? Weiß nicht, die Zeiger am Armaturenbrett bewegen sich - der Film läuft halt schneller. Schau die Südautobahn, der Regisseur ist gut, hab noch nie Autos auf der mittleren Spur der Süd parken gesehen - schau die Autos ganz rechts fahren rückwärts - sicher mit 100 Sachen, der Tacho vor meinem Kinosessel zeigt 260 - die perfekte Imagination. Schau, eine Straßensperre auf der B 17, Sammy Molcho als Polizist auf der Leinwand - eine gute Polizeikontrollenpantomime.

 

 

Du glaubst sicher, daß ich nun vollkommen übergeschnappt bin. Bin ich nicht. 600 SEL, das perfekteste Kino auf Rädern, dieses Automobil läßt Dich im bequemsten Kinosessel platznehmen, brauchst bloß lenken und warten auf das Ziel. Reisen wird fast fad - immer die gleiche Temperatur, nur bei achstiefen Schlaglöchern ein "aha ich glaub da war was", Radio muß man nicht lauter stellen, das Auto wird es auch nicht. Motor? Haube auf - er dürfte unter dem Plastik sein, man hört ihn nicht, man sieht ihn nicht, man spürt ihn nicht, aber die 408 PS sind da, ich seh's an den Zeigern. Ach ja, eh ich's vergesse, alles, wirklich alles elektrisch.

 

Du fragst, welche Limousine nun die faszinierendste sei? Der Sechsdrei ist der beste, wildeste, g'schwindeste Wagen, den Mercedes je gebaut hat; der Sechsneun der sanfte, unauffällige Hubraumriese, der 600 SEL der Perfektionsweltmeister. Charisma hat nur der 6,3 mit all seiner "Unausgewogenheit", seiner brutalen Kraft, dem ledernen Leder, dem hölzernen Holz, der irren Beschleunigung. Perfektion gepaart mit Funktionalität findet sich im 450 SEL 6,9 wieder, jedoch schon viel Plastik und ein wenig Fadesse. Sechshundert - welch ein Name - welch eine Vorgabe an ein Auto. Holz unter Kunststoff, Leder unter Gerbelacken bis es Kunststoff ist, Ergonomie hoch 2, roboterhafte Nüchternheit einer Maschine, unwirkliches Fahrerlebnis, für jeden Schmarrn eine elektrische Hilfe. Und trotzdem Dich in Bann ziehend ob der Größe, des Gewichtes, der Leichtfüßigkeit beim Fahren.

 

Lieber Freund, ich hoffe Dich nicht gelangweilt zu haben mit den dicken Mercedesschnitzeln, weiß ich doch, daß Dir jeder SL lieber ist...

 

Dein Jellinek

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