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Jellinek -  Fundis im Fundus

Reise zum Mittelpunkt der Erde

"Bist jetzt ganz deppert worden, lieber Jellinek?" hör ich Dich entrüstet fragen, mein Freund. Aber nein, dreh' Dein audiovisuelles Schmarrnkistl ab, reiß' dem PC das CD-ROM-Laufwerk raus, schmeiß' das Handy ins Klo und die Freundin ins Solarium, lehn' Dich zurück und hör mir zu!

Du hast sicher schon oft knackwurstdicke Halsschlagadern gekriegt ob der arroganten Präpotenz irgendeines kleinen Autoverkäuferwürschtels. Der Rotzlöffel im Anzug (topmodern), Genagelte am Fuß, GSM (im Köcher), lässt Dich am Samstag Vormittag (grad vom Joggen) im Verkaufsraum (voll von funkelndem Plastik) vom potentiellen Kunden zum polnischen Bittsteller reifen. Auszucken möchtest, als er Dich vom A8 direkt zum Polo Fox führt und Dich dann dort stehen lässt, weil er schnell mit seiner Biggi telefonieren muss. Um 12 Uhr 15 schmeißt Dich die Putzfrau endgültig raus. Du wünschst zwar dem Yuppie die Pest an den Hals, doch Dein Wochenende ist sowieso schon versaut.

 

Ist mir unlängst beim weißblauen Propeller ähnlich ergangen. Der Ebert Ferry (ja, DER Ebert Ferry) bittet mich, noch g'schwind bei seinem 507 die Wasserschläuche und die Wasserpumpe zu reparieren, er sei zum Treffen nach München eingeladen. Ich fahr' zur Propellerreparaturvertretung und bitte den Ersatzteilverkäufer um Wasserschläuche für einen 507. Und was glaubst Du, antwortet mir das Ersatzteilkamel?! "Bei uns können's an Fünfer oder an Siebener haben, 507 hamma kan, des is jo a Böscho." Der Weg zu Wiesenthal war dann logische Folge und so fuhr Ferrys 507 mit Stern-Wasserschläuchen zum Treffen. Ich konnte mir's nicht verkneifen, einen Zettel mit dem Slogan "Nur ein Mercedes ist ein Mercedes" dranzuhängen und der Ferry hat den dort extra Allen vor die Nase gehalten!.

 

Was das Alles mit Reise und Fundus und Fundis zu tun hat? Lehn' Dich weiter zurück, lass' es läuten im Klo und im Solarium...

 

Der Baier Helmuth hat die OTC*-Gesandten Spieth und Bornert anlässlich der letzten Oldtimermesse in Tulln so lange mit Alkohol abgefüllt ("Bis zum Verlust der Muttersprache" - Originalzitat), bis aus der (im wahrsten Sinne des Wortes) Schnapsidee den ganz besonders NICHT öffentlichen Fundus des Mercedes-Benz-Museums besuchen zu dürfen eine handfeste Einladung an den Club geworden war.

(*OTC - nunmehr Mercedes-Benz-Classic Center in Fellbach bei Stuttgart - Anm. der Red.)

 

So machten sich die Fundis im Oktober 1994 auf, den Fundus im Mittelpunkt der automobilen Welt (Sorry, Ferrari, RR, BMW, MG, AC, VW, XY,...) zu bestaunen. Nun komm' ich zum Knackpunkt der Geschicht', lieber Freund (ganz weit zurücklehnen und auf der Zunge zergehen lassen):

 

So freundlich - falsch - freundschaftlich, so unkompliziert bin ich selten wo aufgenommen worden. Keine Spur von Arroganz und von-oben-herab, auch kein berechnendes Kalkül, einfach Freud' an der Sache Auto, an der Philosophie Perfektion, an der Erfindung der Qualität. Stell' Dir vor, Du läßt eine Vorschulklasse an Deine Nippes-Sammlung. Ähnlich muß es unseren Freunden mit uns ergangen sein: ein Sack voller Flöhe mittendrin in einem Versicherungswert von ca. 100 Mio. DM.

 

Da stehen vom Silberpfeil in seinen verschiedenen Ausführungen über 500K Spezialroadster bis zu Caracciola's 730 SSK, vom UhlenhautCoupe über den Böhringer-300 SE Renntourenwagen bis zu diversen LKW, etlichen(!) C 111 und diversen 600ern die atemberaubendsten Geräte.

 

Apropos Uhlenhaut - Coupé (der berühmte 300 SLR):
Mercedes hat mit diesem Motor und Fahrwerk die Formel-1-Weltmeisterschaft 1954 gewonnen und der Mercedes - Entwicklungschef ließ sich für seinen täglichen Weg zum Büro auf dieselbe Mechanik eine Coupekarosserie schneidern. Das Auto war ca 300 km/h schnell und Herr Uhlenhaut nutzte das fahrdynamische Potential oft genug...

 

Apropos 600:
Stell Dir vor lieber Freund, Du gibst der Affenkolonie in Schönbrunn die Schlüssel für den 600 Pullmann... Die eingehende Erprobung aller hydraulischen Gimmicks und das "Geh rutsch' ume, i wü a amoi sitzen" und obendrein die Erkenntnis betreffend die Picknicktables, nämlich daß selbige längsgemasert sind, sind gottlob ohne Blessuren für das Auto abgegangen.

 

Benz Patent Motorwagen, Bj.1886:
Lieber Freund, Du gehst so wie alle im Museum achtlos an den Fahrzeugen aus der automobilen Urzeit vorbei, weil Dich diese komischen Insekten eh' nicht interessieren. Wenn so ein Insekt aber .,duff, duff, duff` macht, verfallen alle Zuschauer in totale Verzückung und finden zu Superlativen wie "schau das lebt!" und stellen erstaunt fest: "jö, mit dem kann man ja wirklich fahren." Mit diesem Auto fuhr Peter Spieth dann auch die Clubkollegen auf dem Hof des OTC spazieren und der 3-Radler bewegte sich trotz der oft schweren Last mit der Leichtigkeit eines Araberpferdes und der vertrauenserweckenden Geräuschentwicklung eines Mercedes-Taxis. Und dazu noch das wundervolle Design, das absolut der Funktion folgt. Dieses Ding aus einer anderen Welt degradiert alles was wir an Automobilen heute kennen zu Topfengolatschen, die genauso gut im Ankerregal liegen könnten.

 

Am nächsten Morgen: Besuch des ganz besonders öffentlichen Teils des Museums und dem üblichen an-sich-Raffen von Zeitschriften, Prospekten, Modellen und Postern. Lieber Freund, darfst' Dich wieder aufrichten, die Freundin vom Grill holen und das Handy runterlassen. Wünsch' Dir noch alles Liebe, werde Dir wieder berichten von verrückten Reisen,

 

Dein Jellinek

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