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Jellinek - SL oder SLK?

Wenn ich so denk' und lenk' grad nix (die dritte Folge aus 1998)

Lieber Freund,

 

ich bin froh, einmal nix lenken zu müssen. Keine von diesen über-drüber-Schüsseln nach knorz-knorz-Geräusen abhorchend das 47. Mal um den Häuserblock zu kurven. Du glaubst mir eh ned, daß es einem zum Halse heraushängen kann, im Jaguar den zwölften Zylinder zu suchen und den Wassereinbruch im Maserati und dem "ErspringtschonwiedemichtanAlfa'` zum hundertsten Mal die verrotzten Zündkerzen zu wechseln.

Du hältst "Mechaniker's Outing" sicher für den Leserschmäh schlechthin, doch da ist nix "cooles" dran, im Corniche Cabrio, latzbehost herumfahrend, in die schon kalte Leberkässemmel zu beißen, sondern es ist das 14 Uhr Frühstück nach dem letzten Auslieferungszoff: Verdeck verharrt schon wieder in Senkrechtstellung wegen durchgeschmorter Sicherung. Und das schon zum 20. Mal trotz Durchsicht und Bedenken ALLER Möglichkeiten - bis zum Austausch des Zigarrenanzünders - ist kein Witz. In solchen Situationen frag' ich mich, wie es dem Michelangelo Buonarotti gelang, beim Ausmalen der Sixtinischen Kapelle nicht wahnsinnig zu werden, oder wie der Alfred Dorfer in der 79. Vorstellung noch immer gut drauf sein kann, oder Pavarotti noch "0 sole mio" singen kann, ohne bewußtlos von der Bühne zu fallen.

 

In dieser Identitätskrisensituation kommt der Baier Helmuth federnden Schrittes in meine Werkstatt und erzählt so beiläufig, daß wir den Kleinen für eine Probefahrt kriegen, "an Kompressor?", frag ich. "Ich glaub schon", sagt er, "Ich hoff" sag ich, und schon ist sie wieder da, die Begeisterung fürs Spielzeug mit vier Radeln.

 

In meiner zynischen Art hole ich dann aber doch Helmuth und mich und den mittlerweile auch eingetrudelten Axel Wolf wieder auf den Werkstattboden zurück. Mit Aussagen wie "na SL is des oba ned, eh' kloa SLK will heißen ka SL" und "Plastik über Alles" und "wirst schon sehen, alle Eissalons und ln-Beisln werden übergehen von dem MX-5-Verschnitt". Der Wolf Axel seines Zeichens in einen 230 SL hineingeboren macht den Vorschlag, die beiden zu Autos zu vergleichen, und ich soll die Autos fahren, weil ich eh keine Ehrfurcht vor Klassischem und schon gar keinen Respekt vor Modernem hab und damit eine objektive Überprüfung garantiert sei.

 

Mercedes 230 Sport Leicht:
WIRKLICH 150 PS, hängt traumhaft am Gas, hat sechs Zylinder und der erste SL der lenkt, heizt und bremst und wie ein modernes Auto; bremse daher mit einer Pagode nie Not vor einem Tipo, außer Dein Heck ist rostig! Im Gegensatz zum 190 SL (der ist nur schön und fährt sich wie ein LKW, sauft wie ein Loch und geht nix, das dafür aber laut und brummig) und zum 300 SL (eine tückische Ikone mit heiklem Fahrverhalten) war der W 113 der erste Grand Tourismo für alle, die sich's leisten konnten. Dieser SL war immer modern und das besonders mit seinem Pagodendach, einem Fahrwerk zum Bummeln ohne stuckerig zu sein und zum Rasen ohne böse Überraschungen. Mittlerweile zum Klassiker geworden, ist's ein ideales Haustier für Leute ohne Schrauberambitionen. Der SL - Wartung alle 10.000 km vorausgesetzt - ist sicher problemloser als mancher fabrikneue Sportwagen.

 

Mercedes SLK 230
Sport? Leicht? Kurz/Kompressor?
193 PS aus ca. vier Liter Hubraum (2295 ccm x Kompressor = vier Liter) zieht der aus 1.500 U/Min an wie ein Wagerlhund, daraus ergibt sich "Leicht". Das "K" macht das Auto leicht wie Obstgarten. Lenkt. bremst, BREMST!! (Spätbremser Achtung: das Dachgestänge kostet vermutlich ein Vermögen.) Lenkt wie ein Benz, aber um den Tick exakter als alle anderen Benze, ohne nervös zu sein. Daraus ergibt sich mit dem Ausschalten von ASR, das steht für AntiSpaßRegelung, weil dann leuchtet da ein gelbes Dreieck im Tacho (als Wamung wovor eigentlich?) schlußendlich "Sport". Ich, der abgeklärte, schon alles gefahrene alte Depp ertappe mich dabei, den Kreisverkehr in Tulln zwei Mal total rundrum zu driften. Und sich damit coram publico zum pubertierenden Manta-Tilo zu stempeln, von wegen abgeklärt und objektiv... Kürzer als ein Käfer, und trotzdem sitzt Du besser als in diversen ausgewachsenen Limousinen. Und das Dach, das Dach! - ich mach's ja nur daheim in der Garage auf und zu, weil siehe oben!

 

Gemeinsames & Unterschiede:
2x Mercedes, 2x Cabrio und Coupé, 2x Mercedes-Ergonomie. Alles ist in beiden perfekt zur Hand, egal ob 70 kg/177 cm oder 120 kg/199cm. Und das kommt so: MB-Techniker haben noch vor dem Krieg (da bin ich mir sicher) einen Sessel in ihre Versuchsabteilung gestellt, Pedale davorgeschraubt und ein Lenkrad. Ein Testsitzer bekam dann die natürliche Fluchtlinie Arme - Beine - Hintern perfekt angemessen und so ist's bis heute. Stimmt diese Fluchtlinie nicht, schreit das Kreuz nach Chiropraktiker und die Schüssel kann gar nicht geil genug sein, daß Du sie nicht am liebsten in die Donau schmeißen möchtest.

 

Ich mochte den Alten schon immer und mag den Neuen nach dem Fahren ganz besonders. Kaufmöglichkeit als der Alte neu war nur für wirklich gut Betuchte: kostete so viel wie großer BMW + ein VW-Käfer + ein Puch 500. Kaufmöglichkeit für den Neuen: nur für ganz Geduldige, billig ist er auch nicht, aber ganz besonders günstig für das, was er kann. Beide Autos sind, jeder für sich ein vollkommen homogenes und schlüssiges Stück Technik. Jeweils für die Produktionszeit allen anderen Herstellern um eine Dekade voraus. Der alte SL eigentlich sogar um zwei Dekaden, fahre doch mal Austin Healey 3000, Jaguar E, oder einen ganz frühen 911... Du solltest eigentlich beide haben, lieber Freund, einen 230 SL für schön und einen SLK 230 für......

 

Herzlichst, Dein Jellinek

 

 

SaccoC1000

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