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Jellinek geht einkaufen

 

Gestern fuhr ich einkaufen……..

 

Zeitig am Morgen verabschiede ich mich von meinen drei liebsten Söhnen und der besten Ehefrau von allen - wiewohl sie seit 20 Jahren noch immer keine Ehefrau ist - und verlasse das Haus so gegen 06 Uhr 30. Vergesse sicherheitshalber mein Navi und fahre zum Flughafen.

 

Checke bei einem überaus freundlichen Automaten ein, er kennt sogar meinen Namen, kaufe in einem Zeitschriftenhandel Fachliteratur, um im Flieger besser schlafen zu können. Die Sales-Mamsell' beim Zeitungsstandl zeigt sich ausgesucht unfreundlich und ich sinniere, ob man auch hier einen Automaten……. Die Magazine tun ihren Job und ich nicke nach 10 Minuten Flugzeit ein, verpasse – gottseidank – die milden Gaben der Serviermaid und wache in Düsseldorf zur Landung auf.

 

Das humanoide Leihwagenpersonal gewährt mir gnadenhalber ein Upgrade für meine Vergesslichkeit, muss meine Kreditkarte aufwecken, da der Gnadenakt nur mit Einsatz monetärer Mittel erreicht werden kann. Auf meine Frage, ob das Navi auch in den Niederlanden funktioniere, erhalte ich gnädigerweise die Auskunft, dass alle EU Länder auf der eingespielten CD verfügbar seien – und zwischen den Zeilen: „stör' mich hier nicht bei Chatten“. Wünsche mir auch bei dieser Gelegenheit die vollständige Automation…..

 

Finde den Parkplatz und den mir zugeteilten Ford Focus C Max, silber, innen Anthrazit - wie einfallsreich -und verlasse nach ein paar Einrichtungshandgriffen das Parkhaus. Kenne das Ruhrgebiet wie meine Westentasche, mein Bio - Navi bringt mich auf die 31 nach den Niederlanden.

 

Habe auf der Autobahn endlich genug Zeit, über den Tag, das Auto, mich und alles sonst zu philosophieren. Müd' ist der schon, der Focus, so bei 170 ists eigentlich aus, brummig der Motor, egal ist eh nur ein one-day-stand. Navi ein – Zieleingabe: „Ziel ungültig“ – ah, falsches Land – Länderauswahl: „Deutschland – Tschechien – Polen“ – nix Niederlande. Rufe bei der Leihwagenfirma an. Warenhausmusik – Werbung – eine verführerische Frauenstimme im Tonfall „einzig Geliebter liebe mich jetzt“ die Worte im Moment sei man leider gerade nicht, aber man bemühe sich, es melde sich gleich – Musik – Werbung – eine verführerische Frauenstimme haucht………

 

Steuere eine Raststätte an, um meine geographische Orientierungsfähigkeit und das Fehlen der milden Gaben aus dem Flieger zu ergänzen. Die pornomagazinartig eingeplisterten Straßenkarten verwehren mir den Blick auf mein Ziel und so wende ich mich an das Kassenweibchen mit der Bitte die Schutzhülle zu entfernen. Warum und wieso und das könne sie nicht. Könne oder dürfe sie das nicht? Mein Einwand, dass ich kein Kartenwerk erwerben werde in welchem mein Zielort möglicherweise nicht eingezeichnet sei - es handle sich um ein kleines Dorf in den Niederlanden - und meine Versicherung, dass ich ganz bestimmt eine Karte kaufen werde, so ebendieses Dorf im Atlas existiere, fällt auf intellektuelle Wüste.

 

Erst nach Rücksprache mit dem 'Supervisor' öffnet die Kassenkraft - noch immer ratlos - ausnahmsweise und mit den Worten: man sehe den Außenumschlag doch sowieso durch die Plisterung - die Verpackung. Ich sehe im Register nach, finde den Ort und kaufe den Atlas. Wieder erwarten gibt sie ihn mir aber nicht, sondern verschwindet in die Küche und kehrt nach geraumer Zeit mit meiner neu eingeplisterten Benelux Autokarte - diesmal rot verpackt – zurück.

 

Ich erwerbe an der Nebenkasse allerlei kulinarische Mogelpackungen und ein Evian still zum Preis eines Hauben-Menüs, kehre zum Auto zurück und richte mich neu ein. Fahre aus dem Parkplatz, werde vom Gurtfiepen an meine Pflicht erinnert und nestle ein Käseschinkenbaguette aus dem serviettenlosen Papiersäckchen. Was hat dieses Baguette doch für ein Dekolletee - dollybusterartig drängt förmlich der Schinken am Käse vorbei, erzeugt eine Bißgier, lässt keine Zeit für Freuen auf das Essen.

 

Reflektiere Wurstsemmelerlebnisse aus früheren Zeiten; Semmel durchgeschnitten Wurst hinein und aus – nicht mehr und nicht weniger. Keine hypertrophen irgendwas – Schinkenkäsegurketomatemayobuttergeschmacklosigkeiten. Füttere die Tiere am Mittelstreifen und zehre doch lieber von meiner Wärmedämmung.

 

190 Kilometer weiter nach Norden, links abbiegen und 40 Kilometer nach Westen zu einem Mercedes Mechaniker.

 

Streife den Ford ab und setze mich in ein zum Verkauf stehendes 300SE Coupé – dunkelbordeauxrot -, nehme eine Nase voll Leder - bicolor Cognac - und Wollveloursteppich, labe mich am Wohnen. Ich bitte den Mechaniker um eine Probefahrt. Er sagt zu und so kann ich seine Zustandsbeschreibung überprüfen, fahre danach den Wagen auf eine Hebebühne. Auch im Souterrain passt alles - ein ungeschweißtes unberührtes originales Auto. Ein leicht leckender Kühler, hier und da manch Altersleiden, mit einem großen Service leicht zu beheben, fünf Tausender später fährt ein bestens erhaltenes 300 SE Coupé wohin man will.

Das zweite Coupe trägt den Namen 280SE 3,5, Automatic, silbermetallic, Leder blau. Braucht ein Aufwachservice und neue Fassadenfarbe. Auch dieses Auto entspricht voll und ganz der Beschreibung. Fährt gänzlich unverbraucht, hat bloß einen neuen Auspuffendtopf und neue Radlager hinten nötig.

Der dritte im Bunde ist in Paris alt geworden, eine 300SE Limousine, grün, voll verchromte Fensterrahmen, Zweikreisbremse, grünes Armaturenbrett, unrestauriertes Wrack, Motor läuft, Schaltgetriebe, 100% komplett. Auch in diesem Fall stimmt alles, sogar Wagenheber und Unterstellböcke leben noch im Kofferraum.

 

Bezahle die Autos nach einer halben Stunde hin und her verhandeln. Die Preisdiskussion hat eher akademischen Charakter, da die Preise absolut vernünftig angesiedelt waren und wir zwei Schwarzfingernägel freuen uns beide an der perfekten Übereinkunft. Ich verabschiede mich vom Mechaniker, ziehe mir den Focus über und kehre nach Düsseldorf zurück. An elitärerer Knorzschuhlocation - z.B. Meilenwerk genannt - hätte das 300er Coupe allein 45.000,- Barschaft erfordert.

 

Die 230 Kilometer vertreibe ich mir mit Focusforschung, stinkt nicht nach billigem Plastik, obwohl es aus Kunststoff gemacht sein dürfte, die Qualitätsanmutung ist tadellos – das neue wundervolle Wort symbolisiert unsere neue Zeit: So tun als ob es Qualität hätte, das Ding. Und dann die Offenbarung aus dem Bordcomputer: Hatte es eilig und eilig heißt teuer. Dieses Ding aus unserer aktuellen Welt braucht bei 170 KM/H sage und schreibe 18,6 Liter auf 100 KM – achtzehnsechs!! Bitte das ist schon ein Fortschritt, da vor 23 Jahren ein 560 SEL (279 PS) bei 230 KM/H auch so viel konsumierte. Ford – die tun was: gleicher Spritverbrauch bei 60 KM/H weniger.

 

Die Nachrichten - was für eine wohltuende Unterbrechung der Werbung - erinnern mich heute schon dreimal - endlich mein altes Auto zu entsorgen, um dafür mit 2.500,- belohnt zu werden, so ich mich entschlösse, ein neues sauberes Automobil zu erwerben. Weil nur dieses neue Automobil rettete uns alle aus der Weltwirtschaftskrise und dann wäre alles wieder gut, höre ich die heilige Angela sagen. Ich wohne Angelas Predigt nicht länger bei und verlege mich aufs Denken.

 

Ich habe vor ein paar Stunden drei alte Autos gekauft – die, nicht addiert, sondern jedes für sich - über 35 Jahre alt sind. Und das mitten in der Krise, allen weisen Ratschlägen zum Trotz, habe ich (umwelt-)gewissenlos drei Stinker vor dem Schafott gerettet. Ich fühle mich aber nicht schlecht dabei, im Gegenteil:

 

Diese Autos haben sich durch deren lange Nutzbarkeit und die daraus folgende (bisher) fünfmalige Nichtproduktion eines neuen Autos alle Ehren erworben, böse, katalysatorlose CO und CO² Emissionen aus dem Auspuff auf die Umwelt loszulassen. Im Allgemeinen haben ja moderne Kraftfahrzeuge einen Lebenszyklus von 8 Jahren – in Worten ACHT! Das habe ich mir nicht aus den Fingern gesogen, sondern ist die Aussage eines Cheftechnikers einer deutschen Premiummarke. Ein Lebensalter wie ein Zwergkaninchen für ein so ein hochkompliziertes „Hunderttausendteilepuzzle“. Und so ein Puzzle wird vom Hersteller aus Teilen zusammengesetzt, welche überall auf der Erdoberfläche verstreut liegen, viele in China oder Bangladesh, manche in Osteuropa, einige in Indien oder in den USA. Daraus entsteht dann an einem wiederum beliebigen Ort der Welt mit mehr oder weniger maschinellem Zutun - je nach Gutdünken der Kostenrechner - das begehrenswerte Wunder Auto.

 

So hat ein neues „Ökoauto“, bevor es die Endkontrolle im Werk passiert, schon ca. 1 Million Kilometer an Anreise hinter sich gebracht, weil das Einsammeln der Teile irgendwo auf unserem Globus noch immer billiger ist, als die Teile dort zu produzieren, wo sie montiert werden.

 

Bei dieser Gelegenheit erinnere mich an eine auf der Veterama erstandene Lieferantenliste der PKW Produktion aus den 60er Jahren. Darin fanden sich so renommierte Unternehmen wie Bosch für die elektrischen Anlagen und die Einspritzsysteme, VDO für Uhren und Tachometer, ATE für die Bremsen, Kamax für alle Schrauben, Behr für alle Kühler und alles war im engeren Umkreis der Produktionsstätte. Neben dem nicht verbrauchten Schweröl der Frachtschiffe und dem Diesel der LKW (Stichwort: Just-in-Time), war das auch ein Qualitätsausweis der Sonderklasse – heute ist das garnix mehr wert.

 

Entsinne mich kurz des manuellen Fensterhebers an dem von mir gekauften 300SE: Zur Erinnerung: ein veritables Wrack. Baujahr 1964. Zum Ausschlachten. Stand 20 Jahre hinter einer Scheune in einem Pariser Vorort. Zwei Umdrehungen. Fenster unten. Zwei Umdrehungen. Fenster oben. Mit zwei Fingern. Ohne Kraftaufwand. Zahnradgetriebe. Unzerstörbar. Geht immer. Schachtleistendichtung friert und klebt nie an, weil Feinhaargewebe. Und, entsinne mich an eine kürzlich instand gesetzte Fensterhebemechanik an einer W211-Türe – Baujahr 2009. Gesteckt. Geklammert. Genietet. Plastikseilrolle. Kunststoffumlenkrollen. Wiegt alles zusammen 153 Gramm. Hält 2,5 Jahre. Beim kleinsten über einen vorausberechneten Limes hinausgehenden Kraftaufwand – Exitus.

 

Aber - würde die heilige Angela anmerken – wo bleibt die Produktion? Wo die Arbeitsplätze? Wo das BIP? Wo der Wohlstand?

 

Aber – gestatte ich mir anzumerken – wo bleibt unser Planet? Wir haben bloß den Einen! Oder gibt uns Angela eine Abwrackprämie für das Auslaufmodell Erde? Wo bleibt das CO²? Wo der Transportirrsinn? Wo alle Produktionsroboter? Wo die Qualität? Wo die Nachhaltigkeit?

 

Und wo bleibt - zu allem Überfluss - der Mensch?

 

Einige Zeit nach meiner Tour durchs "Industrieland" Deutschland stellt sich heraus, dass durch die Abwrackprämie überproportional viele koreanische Autos verkauft wurden. Bisherige VW, Renault, Opel und Ford-Kunden sind zumindest für die nächsten Jahre als (Werkstatt-)Kunden verloren. Na dann.... 

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