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Ewy Rosqvist - Ursula Wirth

Sportliches Duo: Das schwedische Mercedes-Benz Damenteam Ewy Rosqvist (Baronin von Korff) und Ursula Wirth, aufgenommen im Jahr 1963.

Sportliches Duo: Das schwedische Mercedes-Benz Damenteam Ewy Rosqvist (Baronin von Korff) und Ursula Wirth, aufgenommen im Jahr 1963.

Tipp von Fangio: Wasserstellen vorsichtig umfahren!

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Nur das Damenteam beherzigte Fangios Tipp, Böhringer und Co gingen in den tückischen Wasserdurchfahrten baden...

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Das siegreiche schwedische Sieger Damenteam Ewy Rosqvist (rechts) / Ursula Wirth mit Rennleiter Karl Kling (Mitte).

Das siegreiche schwedische Sieger Damenteam Ewy Rosqvist (rechts) / Ursula Wirth mit Rennleiter Karl Kling (Mitte).

Siegesfeier im Hochhaus der Daimler-Benz AG in Stuttgart-Untertürkheim. Von links nach rechts: Ewy Baronin von Korff-Rosqvist, Generaldirektor Walter Hitzinger, Ursula Wirth und Rennleiter Karl Kling.

Siegesfeier im Hochhaus der Daimler-Benz AG in Stuttgart-Untertürkheim. Von links nach rechts: Ewy Baronin von Korff-Rosqvist, Generaldirektor Walter Hitzinger, Ursula Wirth und Rennleiter Karl Kling.

Ewy Rosqvist - Ursula Wirth

Argentinien 1962


 
Nach 4.626 Kilometern gewinnen Ewy Rosqvist und ihre Beifahrerin Ursula Wirth am 4. November 1962 auf ihrem Mercedes-Benz 220 SE (W 111) den VI. Großen Straßenpreis von Argentinien (VI. Gran Premio Internacional Standard Supermovil YPF). Das ganze Land feiert ausgelassen den herausragenden Sieg des Mercedes-Benz Damenteams bei dieser harten Langstrecken-Rallye in Südamerika.
 
Vor dem Rennen sind die beiden Schwedinnen noch freundlich belächelt worden. Doch nun haben sie es dem Publikum und der Konkurrenz gezeigt: Rosqvist und Wirth beenden das Rennen nicht nur als Gesamtsiegerinnen, sondern sie haben den strapaziösen Wettbewerb von Beginn an dominiert: Zum ersten Mal gewinnt 1962 ein einziges Fahrzeug alle sechs Etappen des Großen Straßenpreises hintereinander, und dabei stellen die beiden Schwedinnen auch noch einen neuen Rekord auf.
 

Dieser Sieg ist nicht nur in Argentinien eine Sensation, sondern die ganze Welt nimmt den überragenden Erfolg von Rosqvist und Wirth wahr. Neben der Würdigung ihrer sportlichen Leistung schwingt dabei auch Erstaunen mit, dass zwei Frauen sich in diesem ausgesprochen strapaziösen Wettbewerb gegen die ausschließlich männliche Konkurrenz durchsetzen.
 

Internationale Spitzensportlerinnen sind Anfang der 1960er-Jahre noch immer in vielen Disziplinen eine Ausnahme. Das zeigt auch ein Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ aus dem Jahr 1966, der die beiden schwedischen Motorsportlerinnen zusammen mit Marathonläuferinnen und anderen Ausdauer-Athletinnen als Wegbereiterinnen des weiblichen Hochleistungssports porträtiert.
 

Dabei ist Ewy Rosqvist keine Novizin des Rennsports, als sie 1962 für Mercedes-Benz zum Großen Straßenpreis von Argentinien startet: Die 1929 im südschwedischen Ystad geborene Tochter einer Landwirtsfamilie lernt früh das Autofahren. Ihr erster Wagen ist ein vom Vater gekaufter Mercedes-Benz 170 S.
 

Durch ihre Arbeit als Veterinärassistentin sammelt sie viel Erfahrung auf langen, schlecht ausgebauten Strecken: „Das Fahrpensum, das ich [...] Tag für Tag zu bewältigen hatte, lag zwischen 150 und 200 Kilometer, fast durchweg auf Naturstraßen, Geröll- und Feldwegen“, beschreibt Ewy Rosqvist in ihrem Buch „Fahrt durch die Hölle“ (München: Copress-Verlag 1963).
 

1954 erlebte Rosqvist ihre erste Rallye – als Passagierin bei der Rallye Mitternachtssonne, die ihr Mann und ihr Vater bestritten. „Das hatte mir so viel Spaß gemacht, dass ich beschloss, so bald wie möglich selbstständig oder als Beifahrerin an einer Rallye teilzunehmen“, erinnert sich die Pilotin. Und tatsächlich – zwei Jahre später startet die junge Frau ebenfalls bei der Rallye Mitternachtssonne, 1959 gewinnt Rosqvist dann auf Volvo erstmals den Damen-Pokal der europäischen Rallye-Meisterschaft. Die damalige Daimler-Benz AG engagiert die erfolgreiche Fahrerin schließlich im Frühjahr 1962 für die Mercedes-Benz Werksmannschaft.
 
Insgesamt vier Werksteams schickt Mercedes-Benz im Herbst 1962 nach Argentinien, wo im Jahr zuvor Manfred Schock mit seinem Kopiloten Manfred Schieck erstmals den Großen Straßenpreis für Mercedes-Benz gewonnen hat (auf Platz zwei kam das Mercedes-Benz Team Hans Herrmann/Rainer Günzler): Neben Rosqvist und Wirth auf dem 220 SE mit der Startnummer 711 und dem polizeilichen Kennzeichen S-LH 839 treten Hermann Kühne und Manfred Schieck ebenfalls mit einem 220 SE (Startnummer 719) an, sowie Eugen Böhringer/Peter Lang (Startnummer 731) und Carlos Menditegui/Augustin Linares (Startnummer 703), jeweils auf Mercedes-Benz 300 SE der Baureihe W 112. Juan Manuel Fangio, Argentinier und Chefpilot der Mercedes-Benz Rennabteilung in den Jahren 1954 und 1955, begleitet das Team während des Großen Straßenpreises 1962.
 

Die Stuttgarter Mannschaft unter der Leitung von Karl Kling nutzt die Tage vor dem Start, um die 4.624 Kilometer lange Strecke abzufahren, damit sich die Kopiloten die Details der Route einprägen und Notizen machen können. Während der Rallye wird diese Strecke in insgesamt sechs Etappen bewältigt, die zwischen 515,4 und 863,5 Kilometer lang sind. Nach dem Start in Buenos Aires geht es nach Villa Carlos Paz, San Juan, Catamarca, Tucuman, Cordoba und wieder zurück nach Buenos Aires. Zwischen den Renntagen ist jeweils ein Tag Pause angesetzt.
 

Insgesamt sind 286 Wagen für den Großen Straßenpreis gemeldet, die bei dieser höchst anspruchsvollen Veranstaltung in sieben Klassen antreten. An den Start gehen davon 258 Fahrzeuge, aber nur 43 kommen ins Ziel – weniger als ein Fünftel. Auch die anderen drei Werksfahrzeuge von Mercedes-Benz scheiden aus, besonders tragisch ist dabei der tödliche Unfall von Hermann Kühne während der zweiten Etappe.
 

Vor dem Start haben die Zeitungen den Start eines Damenteams bei der Marathon-Rallye durch Argentinien noch belächelt. Den Sieg von Rosqvist und Wirth auf der ersten Etappe würdigt man dann schon als Achtungserfolg. Als das Duo jedoch auch die zweite Etappe gewinnt, gibt es kein Halten mehr, die Schwedinnen werden von den Medien des Landes frenetisch gefeiert. Zu dieser Befindlichkeit der Nation schreibt die in Buenos Aires erscheinende deutschsprachige Zeitung „Freie Presse“: „Nicht die Kuba-Krise, sondern die beiden Blondinen aus Skandinavien beanspruchten im Landesinneren die Schlagzeilen der Tageszeitungen.“
 

Am Ende des Großen Straßenpreises haben Ewy Rosqvist und Ursula Wirth alle sechs Etappen der Rallye gewonnen. Das Duo führt das Gesamtklassement mit 34:51:03 Stunden an, mehr als drei Stunden danach folgen der Zweitplatzierte Boris Stipic und A.V. del Carril auf Platz drei (beide Volvo). Der Durchschnitt der Siegerinnen liegt bei 126,87 km/h – das ist ein neuer Rekord. Zum Vergleich: Walter Schock hat den Gran Premio Internacional Standard Supermovil YPF im Vorjahr mit einem Durchschnitt von 121,23 km/h gewonnen.
 

Das Fahrzeug, mit dem Rosqvist und Wirth gewinnen, ist ein weitgehend seriennahes Fahrzeug der Baureihe W 111. Bewusst hat man bei Mercedes-Benz ein Fahrzeug mit Normallenkung ausgesucht, weil diese die Lenksignale feinfühlig weitergibt. Nur auf den schweren Bergetappen hätte Ewy Rosqvist gern einen Wagen mit hydraulischer Lenkunterstützung, wie sie in einem Bericht über die Argentinien-Fahrt schreibt: „Heute gäbe ich etwas darum, wenn ich eine Servo-Lenkung hätte!“
 

Der Sieg von Rosqvist/Wirth im Jahr 1962 ist der zweite Erfolg für Mercedes-Benz beim Gran Premio Internacional Standard Supermovil YPF in Folge. Und auch in den beiden kommenden Jahren dominieren Stuttgarter Fahrzeuge diesen Wettbewerb, der besonders im wichtigen amerikanischen Markt mit viel Aufmerksamkeit verfolgt wird. 1963 und 1964 gewinnen jeweils Eugen Böhringer/Klaus Kaiser auf Mercedes-Benz 300 SE. Ewy Rosqvist kommt 1963 mit Ursula Wirth als Kopilotin auf 220 SE als Dritte ins Ziel, 1964 holt sie mit Eva-Maria Falk auf 300 SE ebenfalls Platz drei.
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