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Ferdinand Porsche bei Daimler

630 K Farina

630 K Farina

Text Axel Wolf 

 

Der 1875 in Mattersdorf in Böhmen geborene Ferdinand Porsche kam 1923 zu Daimler nach Stuttgart. Als Vorstandsmitglied konnte er die besten Techniker der damaligen Zeit um sich versammeln. So entstand als erstes Auto unter seiner Regie der 1924 bis 1929 gebaute 15/70/100 PS (die erste Zahl, wie heute noch in Frankreich üblich, bezeichnet die Steuerklasse).

 

Dieser Sechszylinder-Wagen (W 836) ab 1928 Mercedes-Benz 400 genannt hatte einen Kompressormotor, womit Porsche in den 20er-Jahren technisches Neuland betrat. Die ohc-Konstruktion hatte eine Königswelle mit Kegelradantrieb und war mit einem Drosselvergaser bestückt. Ein Roots-Kompressor saß an der Stirnseite des Motors, wurde bei durchgetretenem Gaspedal via Kupplung von der Kurbelwelle angetrieben und trat mit lautem Sirren in Aktion. Der Kompressor presste die angesaugte Luft von unten in den Vergaser. Gleichzeitig schloss sich dessen "normale" Ansaugöffnung. Sobald das Gaspedal zurückgenommen wurde, trennte die Kupplung die Verbindung zum Kompressor wieder und der Vergaser arbeitete wieder normal. Dieses Prinzip des "kick down" wurde auch in den 30ern von Porsches Nachfolgern bei den Achtzylinder-Kompressor-Wagen beibehalten. Weiters gab es ebenfalls ab 1924 den parallel zum 15/70/100 PS entwickelten und - bis auf den längeren Radstand - weitgehend baugleichen 24/100/140 PS mit einem 6,3 Liter Sechszylinder. Dieser ebenfalls mit Kompressor ausgestattete Wagen ist ab 1928 als 630 bzw. 630 S verkauft worden, dieses Modell war die S-Klasse der 20er und damit die Basis für so manche der atemberaubenden Karosseriekreationen von Erdmann und Rossi, Saoutchik, Farina, etc...

 

Bei den sportlichen Ablegern dieser Modellreihe wurde ab 1926 regelmäßig das berühmte Kompressor-Stilmerkmal der aus der Motorhaube wachsenden Auspuffrohre verwendet. Diese sportlichen Varianten hießen 24/110/160 PS (620 K), 25/130/220 PS (660 K), 26/130/180 PS (selten) 26/145/270 PS (ganz selten) und waren allesamt auf dem, von 3750 mm auf 3400 mm verkürzten Fahrgestell des großen Modells aufgebaut. Diese Versionen wurden nur vom Werksteam bei Rennen eingesetzt und nicht an Privatfahrer verkauft. Die Kompressorautos auf kurzem Fahrgestell heißen übrigens korrekt z.B. "630 K (wie kurz) mit K-Motor", so Werner Oswald in seinem Standardwerk über Daimler-Benz. Der gleichzeitig mit Porsche von Austro Daimler nach Stuttgart gekommene Alfred Neubauer nützte das ihm als Rennleiter zur Verfügung gestellte Material optimal aus und sicherte DB die Vormachtstellung im europäischen Motorsport der 20er. Alfred Neubauer pilotierte damals noch selbst, so geschehen bei der Targa-Florio am 27. April 1924 auf Sizilien, wo dessen Teamkollege Werner den Italiener Masetti auf Alfa Romeo deklassierte. "In Anerkennung Ihrer hervorragenden Leistung beim Kraftwagenbau im allgemeinen und im besonderen als Konstrukteur des  siegreichen Wagens im Targa-Florio Rennen 1924" erhielt Ferdinand Porsche am 4. Juli 1924 den Ehrendoktortitel von der technischen Universität Stuttgart.

 

Zahlreiche bedeutende Siege, unter anderem 1926 von Carraciola beim int. Klausenpaß-Rennen (121 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Schotter-Paßstraße) und beim großen Bergpreis vom Semmering (74,7 km/h) folgten, nicht zu vergessen Carraciolas Sieg bei der MM 1927... Porsche baute den technischen Vorsprung mit den Modellen 680 S, 710 SS und SSK und schließlich 720 SSK und SSKL (Super Sport Kurz Leicht) weiter aus. Der Höhepunkt wurde dann 1929 mit 300 Kompressor-PS erreicht. Die beeindruckenden technischen Daten: Typ SSK, 1928 - 1930, 7065 cm', 27/170/225P5 (Motor Typ M06} bei 3.300 U/min; 46,7 mkg bei 1.900 U/min, Gewicht 1.700kg, Höchstgeschwindigkeit 200km/h.

 

Der mit dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen Daimler und Benz 1926 zum Chef des zentralen Konstruktionsbüros ernannte Porsche experimentierte später auch mit Vierzylinder-Kompressormotoren, sowie mit einem luftgekühlten Zweizylinder-Motorrad mit erstmals gefedertem Hinterrad und Zwölfzylinder-Flugmotoren. Gleichzeitig entstand auf Betreiben des Aufsichtsrates der "kleine Mercedes" 8/38 PS (W 02). Dieser von 1926 bis 1929 gebaute 2-Liter Sechszylinder-Wagen wurde von den Kunden begeistert aufgenommen und entstand in 10.504 Exemplaren, als Stuttgart 200 fand dieses Auto in modifizierter Form noch 6.400 Abnehmer. Auch dieses Modell wurde zu Versuchszwecken mit Kompressormotoren ausgestattet, so gab es einige 8/40/60 PS und 12/60/90 PS.

 

Ebenfalls 1926 wurde der 12/55 PS (W 03) 3-Liter-Sechszylinder vorgestellt, der bis 1927 in 1.017 Exemplaren gebaut wurde. Dieses Auto ist Porsche aber viel zu schwer geraten, weil der Wagen. der 2.750 kg in der Pullmannversion wog, mit 55 PS krass untermotorisiert war. 1928 schließlich erschien das Modell 460 Nürburg (18/80 PS), das mit einem 8-Zylinder an Horch und amerikanische Marken verlorene Marktanteile im Luxuswagensegment wieder zurück erobern sollte, zu Beginn der Wirtschaftskrise war dies allerdings eher ein hoffnungsloses Unterfangen.

 

Nun aber zurück zu Porsche: die bereits erwähnte Schwerfälligkeit des 12/55 und dessen schleppender Verkauf, für den er verantwortlich gemacht wurde, anfängliche Qualitätsprobleme des 8/38 PS, sowie die kostspielige Experimentierfreudigkeit Porsches führten schließlich dazu, dass Porsche am 31.12.1929 seinen Sessel räumte und zu Steyr wechselte. Angeblich soll sich im Stuttgarter Firmengelände folgende Szene abgespielt haben, nachzulesen in der Porsche-Biographie von Peter Müller: der damalige Generaldirektor Kissel ließ 15 fabrikneue 8/38 in einer bitterkalten Nacht auf den Hof stellen, um Porsche die mangelhafte Kaltstartfreudigkeit seiner Konstruktion zu beweisen. Als es Porsche im Beisein seines Vorstandskollegen nicht gelang, einen einzigen der Wagen in Betrieb zu nehmen, warf er wütend seinen Hut in den Schnee, trampelte darauf herum und ging.

 

Danach übernahm Ernst Nibel den Posten des Chefkonstrukteurs. Der ehemalige Chefentwickler bei Benz; der sich während Porsches Amtszeit dezent im Hintergrund hielt, verbesserte und verfeinerte Porsches Konstruktionen dann noch weiter. Auch die skurrilen Heckmotorautos 130 H und 170 H, die oft Porsche zugeschrieben werden, entstanden zur Gänze unter Nibels Federführung, als Porsche schon längst nicht mehr bei Daimler-Benz war. Interessantes Detail am Rande: Die ersten 30 Prototypen des Volkswagens (Typ 30) wurden 1937 für das Konstruktionsbüro des Ferdinand Porsche bei Daimler-Benz gebaut, so schließt sich der Kreis...

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