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Friedrich Geiger

(1907 - 1996) Leiter der Abteilung Stilistik Mercedes PKW

Text: Mercedes-Benz / A. Wolf, Fotos: Mercedes-Benz 

Friedrich Geiger, geboren am 24. November 1907, prägt ab den 50er Jahren den Stil der Mercedes-Benz Personenwagen und damit eine Epoche des Automobildesigns. Öffentlich tritt der am 24. November 1907 geborene Designer zwar kaum in Erscheinung, aber seine in die Serienproduktion umgesetzten Entwürfe begeistern Publikum und Fachleute gleichermaßen und werden zu legendären Klassikern.

 

Entsprechend ist der Ruf Geigers unter den  Automobildesignern: „Er schuf zeitlose Formen“, sagt sein Nachfolger, der ehemalige Mercedes-Benz Chefdesigner Bruno Sacco, über Geiger. Gleichsam beklagte Bruno Sacco wärend unseres Interviews im Jahr 2005 (nachzulesen in einem weiteren Kapitel des Dossiers über das Mercedes Design), dass Friedrich Geiger nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb des Unternehmens weder den Dank noch die Anerkennung bekam, die er verdiente. Er hat zum Beispiel Ikonen wie den 500 K Spezialroadster oder den 300 SL entworfen, was den wenigsten bekannt sein dürfte.

 

 

 ein Beispiel aus der frühen Schaffensperiode Geigers: 540K Spezialroadster (aus dem Karrosseriewerk Sindelfingen)

Da über diesen herausragenden Designer bislang nichts publiziert wurde, soll dies nun (leider posthum) auf unserer Homepage und mit Hilfe des folgenden Artikels (aus der Feder der Abteilung Daimler Heritage) nachgeholt werden: 

 

Friedrich Geiger wird im April 1933 als Konstrukteur von der Daimler-Benz AG eingestellt. Der in Süßen geborene Schwabe ist gelernter Stellmacher und hat sich nach der Handwerksausbildung durch ein Studium für seine neue Aufgabe weiter qualifiziert. Er arbeitet in der Abteilung Sonderwagenbau, wo er unter anderem dafür verantwortlich ist, jene luxuriösen Mercedes-Benz Sportwagen zu entwerfen, die von der Stuttgarter Marke selbst eingekleidet werden. Der Name „Sindelfinger Karosserie“ wird durch diese Modelle zum Qualitätssiegel für Automobildesign von Mercedes-Benz. Zu Geigers legendären Designentwürfen aus jener Epoche zählt der Mercedes-Benz 500 K Spezial-Roadster (Baureihe W 29), der von 1934 an für Furore sorgte. Besonders die Tatsache, dass die meisten Exemplare nicht wie damals üblich bei Karrosserie-Schneidern maßgefertigt, sondern mit der von Geiger gestalteten Werkskarrosserie verkauft wurden ist ein klarer Beweis für die hohen gestalterischen Qualitäten seines Entwurfs.

 

Eine noch größere Bedeutung bekommt Geigers Arbeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zunächst scheidet der Designer zwar im April 1948 aus seinem Arbeitsverhältnis bei der Daimler-Benz AG aus, doch bereits im Juni 1950 kehrt Geiger zurück – nun als Versuchsingenieur in der Abteilung Stilistik. Diese Berufsbezeichnung leitet sich damals ab von der Anbindung der Stilistik an den Bereich Automobilversuch, der zu dieser Zeit von Karl Wilfert geleitet wird.

Skizzen zum 300 SL Roadster

Diese Abteilung Stilistik ist ein Kind der 1950er Jahre. Ihre Aufgabe: Die Entwurfsprozesse neuer Mercedes-Benz Automobile zu überwachen sowie Leitlinien für die Formgebung zu entwickeln und zu formulieren. Nach wenigen Jahren übernimmt Geiger die Leitung der Abteilung Stilistik. Zu seinen Mitarbeitern gehört unter anderem Bruno Sacco, der – geprägt von Friedrich Geiger – Stil und Ästhetik der Mercedes-Benz Modelle kommender Jahrzehnte mitbestimmten wird. Auch Paul Bracq zählt zu den Mitarbeitern Geigers.

 

 

Zu den herausragenden Arbeiten Geigers aus dieser Zeit zählen die Sportwagenmodelle. Vor allem beim Mercedes-Benz 300 SL (W 198) gelingt es dem Meister des Autodesigns, die Technik eines Straßenrennwagens mit der Hülle eines atemberaubenden Gran Turismo zu versehen. Für Bruno Sacco ist das Coupé des 300 SL eine der wichtigsten Ikonen des Automobildesigns: „In der Sportwagengeschichte gibt es nur wenige andere Beispiele für die erfolgreiche Kombination von Leistung und Überlegenheit mit einer harmonischen und gleichzeitig starken Linienführung“, sagt Sacco 1999 in Detroit. Die Beschränkungen durch die Geometrie des Gitterrohrrahmens wendet Geiger bei diesem ersten Modell des SL-Stammbaums zur Tugend und entwirft statt herkömmlich angeschlagener Türen die berühmten Flügeltüren des großartigen Coupés. Er ist auch verantwortlich für den charakteristischen Stern, den der 300 SL in der Mitte der Front als Luftöffnung trägt.

 

 

Entwurf für ein Facelift des W 111 Coupé im Stil der S-Klasse W 108/109 - nicht realisiert.

 

Am 1. Januar 1969 wird Geiger schließlich zum Hauptabteilungsleiter in der Direktion Stilistik ernannt. Bis zu seiner Pensionierung am 31. Dezember 1973 entwirft Geiger zahlreiche herausragende Limousinen, Coupés, Cabriolets und Roadster für Mercedes-Benz: Zu den Baureihen, für die er verantwortlich zeichnet, gehören unter anderem die Heckflossen-Fahrzeuge (W 110 und W 111/112), die „Pagode“ (SL der Baureihe W 113) und der repräsentative Mercedes-Benz 600 (W 100). Es folgen die Oberklasse-Modelle W 108/109 und W 116, der 1971 vorgestellte SL (R 107) und die berühmten Fahrzeuge der mittleren Baureihen W 114/115 („Strich-Acht“) und W 123.

 

W 113 - frühe Skizze ohne Pagodendach

Skizzen zum Strichacht Baureihe W114/115, interessant ist die Thematik der liegenden Scheinwerfer (erst ab W 116/1972 in Serie) und des schräg geschnittenen Kofferdeckels (ab W 124/1984)

 

Das Werk des zurückhaltenden, bescheidenen Mannes überstrahlt die im Archiv verzeichneten dürren Rahmendaten seiner Biografie. Das passt zum Auftreten des Designers während seiner Zeit als Leiter der Mercedes-Benz Stilistik: Friedrich Geiger setzt auf Teamarbeit und Engagement, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Günter Engelen schildert in seinem zum 100. Geburtstag Geigers in der Zeitschrift Mercedes-Benz Classic erschienenen Portrait den Designer entsprechend: „Friedrich Geiger war der Typus des zurückhaltenden Dirigenten, der sein Kammerorchester zu Höchstleistungen anzuspornen vermochte, ohne sich dabei theatralischer Gesten bedienen zu müssen.“

 

Skizze zum geplanten Facelift des 111-Coupé - geglättete Front und Heckscheiben, strengere Seitenlinien mit Leiste wie 108

 

Bruno Sacco wird 1975 zu Geigers Nachfolger als Oberingenieur und Leiter der Hauptabteilung Stilistik ernannt. Friedrich Geiger, der die Ästhetik der Mercedes-Benz Personenwagen prägt, stirbt am 13. Juni 1996 in Bad Überkingen.

 

W 116 ab 1972: Letztes Serienmodell unter Friedrich Geigers Verantwortung

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