Sie haben Ihre Änderungen noch nicht gespeichert!

Der Verflossene 300 SE

Text: Mag. Erhard Litschauer

 

Als ich auf der Titelseite von "Markt" 9/92 - und im Sternzeichen 3/92, Modellprofil Seite 6, den 300 SE sah, blutete mir das Herz und ich dachte verklärt zurück an die 2 Jahre, in denen ich selbst so einen Wagen besaß.

 

"Verklärt" deshalb, weil es damals mit dem Wagen auch einige Probleme gab und die Freude nicht ungetrübt war. Die Schwierigkeiten waren nicht durch das Fahrzeug an sich begründet, sondern resultierten aus der Tatsache, daß mir für ein derartiges Fahrzeug entsprechendes Wissen und auch Erfahrung fehlte. Zum besseren Verständnis meiner persönlichen Situation, muß ich erwähnen, daß ich (Jahrgang 1943) zunächst etwa 20 Jahre meines Lebens Autos nur vom Sehen (und Nachschauen) kannte und sich meine Kenntnisse und Erfahrungen in dieser Zeit nur auf das Fahrrad beschränkten.

 

Schicksal spielte zunächst der Umstand, daß der Vater meiner damaligen Liebe - ein kleiner Fabrikant, der bei Austro-Daimler in Wr. Neustadt Mechaniker war (1925) -einen wunderschönen 220 S Ponton mit Stoffschiebedach besaß und die Autowelt (der 'Oberschicht") für mich somit Realität wurde. Ich besuchte sofort eine Fahrschule und pilotierte zunächst den "Käfer 1100" der herzigen Tochter. Diese war ein aufgehender Stern am Musiktheaterhimmel, ich selbst junges Mitglied des Staatsopernorchesters.

 

In diesem Umfeld tauchte eines schönen Tages ein reiferer Schauspieler mit Hang zum Besonderen auf, und dieser fuhr I H N : den 300 SE. Der Wagen war mit Schiebedach und Automatik ausgestattet, eierschalengelb und hatte grüne Ledersitze. Er war einer der Ersten und Wenigen in Österreich - Direktionswagen von Philips, der Zweitbesitzer war eben jener "Filmstar". Wie es der Zufall so wollte, war der Mime soeben ohne große Einkünfte - Fernsehserien gab es damals noch nicht - und er ließ durchblicken, daß er sich zwar ungern, aber wenn wir eben Freude hätten, er sich schweren Herzens von seinem Prunkstück trennen würde. Freilich verschwieg er seine miese finanzielle Lage und so konnte ich nicht ahnen, daß sich er Gute den Wagen nicht nur zur Zeit, sondern auch schon vorher nicht leisten konnte!

 

Überprüfungen waren damals noch wenig blich, doch ich bestand darauf Der große Charakterdarsteller war (auch) dort nicht unbekannt und blendete mit imponierendem Auftritt auch den braven Techniker. Schließlich erwarb ich einen Wagen, dessen technischer Zustand mit dem optischen nicht harmonierte. Daß auch das Äußere nicht so schön war, wie ich es in meinem verliebten Zustand sehen wollte, stellte sich erst später, dafür aber sehr drastisch, heraus. Bei der Übergabe des Wagens meinte der große Künstler mit väterlicher Sorge in der markanten Stimme: "Junger Freund, tragen Sie den Wagen auf Händen, fahren Sie nur schön langsam und vorsichtig, denn er ist verdammt schnell! " (Bis dahin - einschließlich "Überprüfung" saß nur der Sohn am Steuer des fahrbaren Heiligtums.)

 

Mit klopfendem Herzen fuhr ich denn los, man winkte noch freundlich, doch als ich bei der nächsten Kreuzung bremsen wollte, trat ich das Pedal ohne Reaktion völlig durch. Sofort noch einmal und gleich wieder - und siehe da - es wirkte. Ich hatte also rasch herausgefunden, daß ich, wann immer ich die Absicht hatte, demnächst zu bremsen, mehrmals pumpen mußte ...

 

Die erste Fahrt mit dem schönen Wagen ging zu meinen Eltern nach Simmering, nächst der Hasenleitengasse. Nur wer diese Gegend kennt, kann ermessen, welche Bewunderung und welches Staunen dieser Wagen dort hervorrief! Sicher, auch der Mautner wohnte in Simmering, doch fuhr der damals bloß Rolls und nur auf der Hauptstraße. Ich war also die Sensation - und allein dieser Auftritt rechtfertigte die Investition. Jedoch nicht nur beim einfachen Volk - auch der Vater meiner großen Liebe war überrascht und auch etwas indigniert: Ja, zuerst der Coup mit dem Töchterlein und dann noch der 300er - ganz schön stark.

 

Doch während der flotte Sohn des verwaisten Vorbesitzers mit dem hübschen VW meiner Braut herumkurvte (diese hatte sich gern von dem Käfer getrennt, nachdem sie nur ein einziges mal damit gefahren war - von Wr. Neustadt nach Aspang in 2 Stunden, das ist ein Schnitt von etwa 10 km/h) machte ich erste Bekanntschaften mit Mercedeswerkstätten. Dort waren ausnahmslos nette Menschen und ich hatte das große Glück, daß sich immer irgendein guter Geist fand, der qualifiziert war, auf meinem 300er herumzuschrauben. Es ging also los: Bremszylinder, Bremsservo, Lichtmaschine, Kontakte usw. Schließlich war alles so, wie es sein sollte und es begann eine relativ unbeschwerte Zeit. Relativ deshalb, weil der Wagen wirklich verdammt schnell war und ich damals mit großer Begeisterung Auto fuhr. Kurioserweise hatte ich mit dem 300er keine Beanstandung wegen Schnellfahrens, dafür zweimal mit dem Käfer!

 

Wir hatten ein Engagement bei den Bregenzer Festspielen, fuhren zur Silvretta, in  die Schweiz und in den Schwarzwald, wo meine Schwester damals lebte. Die Straßen waren noch nicht so ausgebaut wie heute, es gab gefährliche Kuppen und Mulden, oft enge Kurven, keine Ortsumfahrungen etc... Ein älterer Onkel, der als Berufsfahrer mit einem VW Bus Hefe und Germ zu den Bäckern brachte (der Mautner Germ-Karl) war immer begeistert, wenn wir Überland fuhren und alles hinter uns ließen. "Ha" pflegte er zu sagen, "heute zeigst Du ihnen wieder den Auspuff!" Besonders beeindruckend waren die Kraftreserven und der "Kick down". Trotz der eigenen Masse und der großen Maße, war der 300er allen Autos - auch Sportwagen - überlegen. (Die bösartigen Flöhe mit viel PS und wenig Gewicht gab es damals noch nicht). Allerdings war man in Kurven und bei Glätte immer rasch am Limit...

 

Anläßlich eines Auftrittes im Grazer Opernhaus fuhren wir also nach dort. Es war Winterszeit. Nach der Vorstellung wollten wir noch bis Aspang fahren und dort nächtigen. Es hatte jedoch abends so stark zu schneien begonnen, daß ich nach wenigen Kilometern wieder umkehren mußte. Am nächsten Morgen waren die Straßen wieder befahrbar und wir kamen ohne Probleme bis südlich von Mönichkirchen. Dort oben war es aber stark vereist und ich hatte größte Mühe die vielen PS so zu dosieren, daß das Heck nicht nach vor kam. Als wir kurz anhalten mußten, kam ich an ebener Stelle kaum vom Fleck. Trotz Alu-Motor war die Lastverteilung bei Betrieb ohne Fahrgäste und Gepäck sehr ungünstig, auch Straßenbahnschienen konnten sehr gefährlich werden.

 

Der 300er hatte Luftfederung,  diese war vom Komfort her natürlich super, doch der Fahrbahnkontakt ziemlich weich. Einmal zeigte auch die Luftfederung eine besondere Tücke: Anläßlich eines Besuches der Englischen Königin in Wien "mußte" ich den Wagen vom "Toman" (Wiener Abschleppunternehmen - Anm. d. Red.) abtransportieren lassen, denn ich parkte einige Tage nächst der Staatsoper und wurde etwas später von zwei Tatsachen überrascht:

 

Erstens fand ich zwei Halteverbotstafeln vor, da die Queen am nächsten Tag die Oper zu besuchen gedachte. Das war nicht beunruhigend, da ich nach der Vorstellung wegfahren wollte. Als es aber dann soweit war, stellte ich zweitens mit Schrecken fest, daß der Wagen "auf der Nase" lag! Es war aus dem Luftfederungssystem Luft entwichen und da ja keine Schrauben- oder Blattfedern stützten, neigte sich eben die schwerste Stelle zunächst nach unten. (Daß dieser Zustand des "Tieferlegens" Errungenschaft werden sollte, konnte ich damals natürlich nicht ahnen und deshalb auch nicht auf die Idee kommen, einfach den Motor zu starten, um so den Wagen - ähnlich einem Citroën - wieder "aufzupumpen".) Ich hatte also einen gehörigen Schreck und rief Tags darauf sofort den "Toman" - an. Doch es meldete sich niemand, trotz mehrmaliger Versuche. Schließlich wurde ich doch erlöst: Es meldete sich eine Dame, welche mir erklärte, daß die ganze Belegschaft an der Fenstern sei, um die Vorbeifahrt der Queen zu erwarten....

 

Nachdem die Luftausgleichszylinder ausgetauscht waren, war die Federungswelt wieder heil. Doch die Welt blieb nicht heil. Ja es kam schlimmer und schließlich der Zeitpunkt de Trennung: Zunächst weigerte sich der Launische rückwärts zufahren. Also mußte ich mit den Getriebe etwas machen. Meine mir inzwischen angetraute und einige Jahre später wieder entschwundene Theaterliebe hatte in München aufzutreten und so fuhr ich frohen Mutes - auch in der Absicht, dort die Reparatur zu veranlassen.

 

Ich fand auch dort sehr nette Mechaniker, doch blieb diesen nicht erspart, mir eine düstere Lage zu eröffnen: Das mit der Getriebe wäre das kleinere Übel. Schlimm war vielmehr, daß mir der schöne Wagen unbemerkt durchgerostet war! Sicher hatte ich einmal Blasen an den Türunterkanten bemerkt - doch hatten mich diese nicht beunruhigt. Beunruhigt war ich erst, als ein freundlicher Meister mühelos mit dem Schraubenzieher durch die Bodenplatte stocherte. Daß sich in den Türen Rost gebildet hatte, war sicher auch deshalb, weil der Wagen von mir unermüdlich gewaschen wurde und die Abflußschlitze in den Türen nicht durchgeputzt wurden, sodaß zeitweise Wasser in den Türen stand. Daß die Bodenplatte durchgerostet war, lag an dem damals vernachlässigten Unterbodenschutz und am vielen Salz im Winter.

 

Schweren Herzens entschloß ich mich - auch mit Enttäuschung und Wut - vor allem im Hinblick auf die Instandsetzungskosten - mich von meinen "bösen" Auto zu trennen Ich fuhr nach Salzburg, fand einen Händler, der mir für den verwelkten Schönling S 5000,-- gab und kaufte mir sogleich einen VW Käfer. Jahre später glaubte ich meinen ehemaligen Stolz bei einer Tankstelle in Salzburg zu bemerken - doch war ich in Eile und spät dran; als ich Tage später wieder dort vorbeifuhr, war er weg. Oft stelle ich mir die Frage, ob meinen 300 SE noch gibt, doch sei's drum, für mich war entscheidend, daß ich den 300 besaß und dadurch einiges gelernt hatte!

 

Dieser Bericht erschien erstmals 1992 in unserer Clubzeitung "Stern-Zeichen"

  • Seitenanfang
  • Drucken
  • Empfehlen
  • Favoriten
  • RSS