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Fotos: Mercedes-Benz /Wolf

Das Thema Sicherheit hat auch bei der Präsentation auf der IAA 1973 Priorität.

Das Thema Sicherheit hat auch bei der Präsentation auf der IAA 1973 Priorität.

Das Innere vermittelt Geborgenheit.

Das Innere vermittelt Geborgenheit.

280 S - 450 SEL 6,9

280 S - 450 SEL 6,9

ESF 13: Designelemente des W 116 sind unverkennbar

ESF 13: Designelemente des W 116 sind unverkennbar

Der Vorgänger W 108 (ab 1965) war die puristische Designer-Ausgabe der Heckflosse (ab 1959) . Der Sprung zum W 116 ist enorm.

Der Vorgänger W 108 (ab 1965) war die puristische Designer-Ausgabe der Heckflosse (ab 1959) . Der Sprung zum W 116 ist enorm.

Die liegenden Scheinwerfer mit den großen Blinkern waren der Neubeginn in der Frontgestaltung (die ein Jahr zuvor beim SL W107 in Serie ging)

Die liegenden Scheinwerfer mit den großen Blinkern waren der Neubeginn in der Frontgestaltung (die ein Jahr zuvor beim SL W107 in Serie ging)

Mit dem W 107 startet ein neues Designkapitel bei Mercedes, 1972 folgt der W 116, 1976 dann der W 123

Mit dem W 107 startet ein neues Designkapitel bei Mercedes, 1972 folgt der W 116, 1976 dann der W 123

Die gepolsterten Fensterrahmen signaliesieren: meine Passagiere sind in Sicherheit!

Die gepolsterten Fensterrahmen signaliesieren: meine Passagiere sind in Sicherheit!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MODELLPROFIL W 116 (1972 bis1980)

Die S-Klasse der 70er 280 S - 450 SEL 6,9

Text: Axel Wolf / Mercedes-Benz

 

"Eines Abends hinter dem Wiener Konzerthaus: Von links hört man das vertrauenserweckende Brummen eines Mercedes 450 SE, von rechts nähert sich das Knattern eines Kabinenrollers. Und schon nimmt das Unglück seinen Lauf, plötzlich hört man ein Geräusch wie... wie das Zerknüllen eines Plastiksackerls... Der Vierfuffzger hat den Leukoplastbomber aufg'schnupft..."

So ähnlich beginnt ein Sketch des Kabarettisten Lukas Resetarits, der einprägsam einen Autounfall mit sozialer und politischer Komponente schildert. Beschädigt wird selbstredend nur der (vorrangberechtigte) Kabinenroller, das aber so nachhaltig, dass dem nunmehr zum Fußgänger degradiertem Fahrer vom Unfallgegener generös - und mit den Worten: "schließlich sind wir ja Genossen..." - ein Fahrschein für die Straßenbahn in die Hand gedrückt wird. Der 450er bleibt - ebenso wie dessen Fahrer - von diesem Ereignis unbeeindruckt.

 

Dieser Sketch kommt mir unweigerlich in den Sinn, wenn ich an die S-Klasse der 70er denke, denn ich assoziiere den 116er primär mit Sicherheit und bestmöglichen Schutz für die Insassen. Aus vielen Benzingesprächen, zeitgenössischen und aktuellen Autozeitungsberichten, läßt sich regelmäßig herauslesen, dass sich das Auto hauptsächlich durch das Thema Safety ins kollektive (Auto-)Gedächtnis eingeprägt hat "my car is my castle" und letztendlich damit auch das Bild der Marke stark mitgeprägt hat - nunmehr vor 40 Jahren.

 

Im September 1972 wurde erstmals eine so genannte "S-Klasse" (Baureihe W 116) bei der IAA in Frankfurt präsentiert. Die Vorgänger hatten zwar allesamt ebenfalls ein "S" in der Modellbezeichnung, aber es ging dem Marketing offenbar um eine deutlichere Abgrenzung vom kleineren Strichacht (W114/115). Heutzutage ist das Mercedes-Alphabet A,B,C,E etc. ja schon fast allgemeiner Sprachgebrauch.

 

Die Modellreihe 116 wurde in den Varianten 280 S/SE/SEL, 350 SE/SEL, 450 SE/SEL und 450 SEL 6,9 bis 1980 gebaut, in Nordamerika wurde zusätzlich das Modell 300 SD mit 5-Zylinder Turbodiesel angeboten. Auch die letzten Exemplare der Serie 116 fallen bereits unter den Begriff Oldtimer, obwohl diese telweise mit Klimaautomatik und ABS ausgestattet werden konnten und insgesamt zwar durchaus als älter, aber kaum als zum alten Eisen gehörend wahrgenommen werden.

 

Im Gegenteil: das Fahrgefühl ist äußerst komfortabel und auch 2012 mehr als zeitgemäß und braucht keinen Vergleich zu fürchten - aber ich bin da, gebe ich zu, kein Maßstab. Die schweren V8-Motoren auf der Vorderachse lassen zwar etwas die Leichtfüßigkeit moderner Oberklasse-Autos vermissen, allerdings hat man dadurch das - damals beabsichtigte - Gefühl mit einer Burg unterwegs zu sein. Ausgezeichnete Fahrstabilität auch bei höheren Geschwindigkeiten und sehr gute Bremsen sprechen für eine ausgefeilte Fahrwerkstechnik. Die verbauten Motoren sind sportlich (Sechzylinder-280), souverän (V8 450), bis keine-Frage-offen-lassend (6,9 mit moderaten 280 V8-PS aber 550 Nm Drehmonent). Der kürzlich angetestete Sechsneun war wieder eine Offenbarung und die ex-jugoslawischen Passanten schwer in Aufruhr. Die Autos sind allesamt jedenfalls keine Kostverächter und nichts für Sparefrohs oder Leute mit schlechtem zeh-oh-zwei-Gewissen - Panda- oder Öffi-Fahrer, die auf Martinique Urlaub machen zähle ich übrigens nicht dazu.

 

Das Sicherheitsdenken der Entwickler um Béla Barényi sollte auch diese S-Klasse prägen: neben dem Fahrwerk war insbesondere die Karosserie konsequent und erstmals mit Computern (Lochkarten!) auf größtmögliche Insassensicherheit konstruiert worden. Die zahlreichen Crashversuche wurden - wie bei Mercedes schon seit den 50ern üblich - publizitätswirksam der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Das während der gesamten Bauzeit nicht veränderte Design (nur der 6,9 bekam 1975 ein schmales schwarzes Schürzerl) war mit den breiten Scheinwerfern, den geriffelten Heckleuchten sehr deutsch und weit weniger zurückhaltend als das Vorgängermodell 108, oder der dezente und elegante Nachfolger W 126. Der mit Wertungen sehr zurückhaltende ehemalige Mercedes-Chefdesigner Bruno Sacco bezeichnete den W 116 gar als "Kraftprotz". Die nach außen stark signalisierte Sicherheit im Mercedess-Design der 70er war eine Folge der US-Strömung der Safety-Vehicles, die viele Fürsprecher in der Mercedes-Vorstandsetage hatte. Daher waren die Ergebnisse der Mercedes-ESF-Forschungsfahrzeuge bei der S-Klasse auf breiter Technik- und Design-Ebene in die Serie eingeflossen.

 

Dies wurde von manchen Betrachtern als Protzerei mißverstanden, ist aber heutzutage einfach Kult wie Disco-Musik und übergroße Sonnenbrillen mit gelochten Metallbügeln.

Der ESF 13: laut Bruno Sacco der Vorläufer des Sicherheits-Designs der Siebziger, siehe Scheibenwischer, Türschnallen und große Blinker

 

 

Das Sicherheitsprotzen war aber vielleicht bei manchen Fahrern nicht förderlich für eine defensive Fahrweise und wirkte sich auch demensprechend negativ aufs Image der Mercedes-Fahrer aus - siehe oben. Im Vergleich zu den damals aktuellen Golf I (Leergewicht ab 750 kg), war der Mercedes mehr als doppelt so schwer! Heute liegt der 116 zwar nur mehr im Mittelfeld der PKW-Gewichtsklassen, ich habe mir aber von einigen W 116-Piloten sagen lassen, dass Klein- und Mittelklassewagen immer noch die Tendenz zeigen, sich bei leichten Berührungen mit einer S-Klasse der 70er zu atomisieren.... 

 

Modellentwicklung

Ein halbes Jahr nach Vorstellung der Baureihe, wird die S-Klasse Limousine - parallel zum 450 SL und 450 SLC - auch mit dem hubraum-stärkeren 4,5-Liter-V8-Motor angeboten. Zum selben Zeitpunkt erscheint der Typ 450 SEL mit einem um 100 Millimeter verlängerten Radstand; wie bei seinen Vorgängermodellen kommt der Raumgewinn ausschließlich der Beinfreiheit im Fond zugute. Die verlängerte Version ist ab November 1973 auch als 350 SEL, ab April 1974 schließlich auch als 280 SEL erhältlich.

 

Eine bemerkenswerte technische Neuerung, die in Serie erstmals bei den Limousinen der Baureihe W 116 verwirklicht wird, ist die beim C 111 erprobte Doppelquerlenker-Vorderradaufhängung mit Lenkrollradius Null und Bremsnick-Abstützung; sie ermöglicht eine weitere Ver-besserung der Fahreigenschaften. Die Hinterradaufhängung entspricht im Wesentlichen der Konstruktion, die sich in den „Strich-Acht“-Typen mittlerweile seit Jahren bewährt hat und außerdem im 350 SL verwendet wird.

 

Hohes Sicherheitsniveau

Auch hinsichtlich der passiven Sicherheit markiert die S-Klasse den Stand der Technik: Die Vielfalt der beim 350 SL erstmals realisierten sicherheitsrelevanten Konstruktionsdetails kommt selbstverständlich ohne Einschränkung auch den S-Klasse-Limousinen zugute: So befindet sich der Kraftstofftank nun nicht mehr im Wagenheck, sondern ist kollisionsgeschützt über der Hinterachse eingebaut; im Innenraum sorgen das stark gepolsterte Armaturenbrett, deformierbare oder versenkt angeordnete Schalter und Hebel sowie ein Vierspeichen-Sicherheitslenkrad mit Pralltopf und breiter Polsterplatte für größtmöglichen Aufprallschutz. Wichtigste Verbesserung im Vergleich zur Vorgänger-Baureihe ist die noch stabilere Sicherheits-Fahrgastzelle mit versteifter Dachrahmen-Struktur, hochfesten Dachpfosten und Türsäulen sowie verstärkten Türen. Die Energieabsorption der vorderen und hinteren Knautschzone kann durch kontrollierte Deformationsfähigkeit von Vorbau und Heckbereich deutlich erhöht werden.

 

Visualisierte Sicherheit auch im Interieur: gepolsterte Fensterrahmen, Rückenlehnen und Türfüllungen.

 

Gute Sichtverhältnisse garantieren spezielle Windleitprofile an den A-Säulen, die bei Regen als Schmutzwasserrinnen dienen und die Seitenscheiben auch bei ungünstiger Witterung sauber halten. Weitere sicherheitsrelevante Details sind die weit herumgezogenen, auch seitlich gut sichtbaren Blinker sowie großflächige Heckleuchten, die dank ihres gerippten Oberflächenprofils weitgehend unempfindlich gegen Verschmutzung sind.

 

Zwischen November 1975 und Februar 1976 wird die Kraftstoff-Einspritzanlage der 2,8-Liter-, 3,5-Liter- und 4,5-Liter-Einspritz-Motoren umgestellt, um den mittlerweile auch in den meisten europäischen Ländern verschärften Emissionsgrenzwerten besser zu entsprechen. Von der elektronisch geregelten Bosch „D-Jetronic“ wechselt man zur neu entwickelten, mechanisch geregelten Bosch „K-Jetronic“. Die Umstellung ist in allen drei Fällen mit geringfügigen Leistungseinbußen verbunden; beim 2,8-Liter- und beim 3,5-Liter-Motor wird gleichzeitig die Verdichtung etwas reduziert. Zur Wartungserleichterung erhalten die beiden V8-Motoren im Rahmen dieser Maßnahmen eine kontaktlose Transistorzündung und hydraulischen Ventilspiel-Ausgleich.

 

Parallel zum 2,8-Liter-Einspritzer wird beim Vergasermotor ebenfalls die Verdichtung gesenkt, was auch in diesem Fall ein reduziertes Leistungspotential zur Folge hat. Gut zwei Jahre später, ab April 1978, steht die ursprüngliche Leistung bei den drei Modellen mit Einspritz-motor wieder zur Verfügung. Beim 2,8-Liter-Einspritzer hat man, im Gegensatz zur Vergaserversion, die Verdichtung auf den alten Wert angehoben; bei den beiden V8-Modellen wird das frühere Leistungspotential im wesentlichen durch Änderungen an der Auspuffanlage erreicht.

 

Ein Diesel in der S-Klasse

Im Mai 1978 wird die Modellpalette der Baureihe W 116 noch einmal erweitert. Als neues Mitglied der Typenfamilie erregt der Typ 300 SD in Fachkreisen ebensoviel Aufmerksamkeit wie drei Jahre zuvor der 450 SEL 6.9, ist aber am entgegen gesetzten Ende der Leistungsskala angesiedelt. Angetrieben wird das neue S-Klasse-Modell, erstmals in der Geschichte dieser Fahrzeug-Kategorie, von einem Dieselmotor. Der 3,0-Liter-Fünfzylinder, der sich in den Typen 240 D 3.0 respektive 300 D bestens bewährte, hat für seine neue Aufgabe einen Turbolader, der eine Leistungssteigerung auf 85 kW (115 PS) ermöglicht. Die Entwicklung dieser ungewöhnlichen S-Klasse-Variante, die ausschließlich in den USA und Kanada angeboten wird, wurde mit der Zielsetzung begonnen, die von der US-Regierung neu eingeführten Verbrauchsgrenzwerte zu erfüllen. Maßgebliche Größe ist dabei der so genannte „Flottenverbrauch“, eine Erfindung der Carter-Regierung, die den Durch-schnittsverbrauch aller angebotenen Pkw-Modelle eines Herstellers bezeichnet. Mit einem erweiterten Angebot an traditionell sparsamen Dieselmodellen kann der Flottenverbrauch unter das gesetzliche Limit gesenkt werden.

 

Eine technische Innovation von richtungsweisender Bedeutung wird ab Herbst 1978 weltexklusiv in den S-Klasse-Limousinen der Baureihe W 116 angeboten: Das gemeinsam mit Bosch entwickelte Anti-Blockier-System (ABS), das die uneingeschränkte Lenkfähigkeit des Fahrzeugs auch bei einer Vollbremsung garantiert und damit einen wesentlichen Beitrag zur aktiven Sicherheit leistet. Heutzutage fast eine Selbstverständlichkeit und auch in Kleinwagen verfügbar, ist die Markteinführung des ABS seinerzeit eine echte Sensation.

 

Sicherheit ganz anderer Art bieten die Sonderschutz-Ausführungen der Baureihe W 116. Aufbauend auf den Erfahrungen, die man bei der Entwicklung des sondergeschützten 280 SEL 3.5 sammelte, kann die Schutztechnik weiter verbessert werden. Von den Achtzylindermodellen 350 SE, 350 SEL, 450 SE und 450 SEL werden insgesamt 292 Stück als Sonderschutz-Fahrzeuge produziert und an ausgesuchte Kunden geliefert, darunter zahlreiche staatliche Institutionen in Europa und Übersee.

 

Nachfolger der ersten S-Klasse-Modellreihe werden die im September 1979 auf der Frankfurter IAA präsentierten Typen der Baureihe W 126. Die Produktion der Baureihe W 116 ist damit aber noch nicht beendet, sondern läuft, je nach Typ, erst zwischen April und September 1980 aus. Als letztes von insgesamt 473 035 gebauten Exemplaren dieser Modellreihe passiert ein Typ 300 SD die Endabnahme im Werk Sindelfingen.

 

Die Baureihe 116 in der Presse

Auto, Motor und Sport, Deutschland, Heft 2/1973, über den Mercedes-Benz 350 SE: „Das Vergnügen, einen Mercedes 350 SE zu fahren, ist leider ein teures Vergnügen und kann deshalb nur von einer Minderheit genossen werden. Das ist zu bedauern, denn für das viele Geld bekommt man nicht nur Repräsentation und Status-Symbolik, sondern vor allem eine Fülle von Vorzügen, wie man sie eigentlich jedem Auto wünscht: hohe Fahr- und Unfallsicherheit, perfektionierte Karosserietechnik, überragenden Komfort, hohe Kraftreserven, müheloses Fahren und mustergültige Verarbeitung. Und all diese schätzenswerten Dinge setzen sich in überzeugender Weise zu einem Gesamtbild zusammen, auf dem eines klar zu erkennen ist: eines der perfektesten Autos der Welt.“

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