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MODELLPROFIL W 121: 190 SL(1955-1963)

Text: Archiv Daimler mit einer Einleitung von Axel Wolf / Fotos: Archiv Daimler

 

Das zeitgeschichtliche Umfeld des 190 SL

Das Jahr 1955 bedeutete für Österreich eine 2. Chance: Der 10 Jahre nach Kriegsende geschlossene Staatsvertrag und die darin festgehaltene „immer währende“ Neutralität ermöglichten den Neustart in die 2. Republik und den Abzug der Alliierten. Anders als den Politikern in Deutschland gelang es den Österreichern sich als lammfromme „Opfer“ des Wahnsinns „Drittes Reich“ darzustellen. So blieb Österreich die Teilung des Landes und ein DDR-Schicksal mit den bekannten negativen Folgen erspart. Ab 1955 musste in Österreich aber der 10-jährige Entwicklungsrückstand der damaligen russischen Zone aufgeholt werden. Auch deshalb war Österreich wirtschaftlich immer ein bisschen hinter der BRD zurück - zumindest bis 1989.... „Die Russen“ haben z.B. alle Anlagen der Semperit-Werke als Reparation demontiert und in die Sowjetunion verbracht, ebenso die Raffinerie in Schwechat und viele andere Industrieanlagen, die den 2. Weltkrieg halbwegs überstanden hatten.

Soviel zur Erklärung, warum die Stimmung Mitte der 50er in Österreich nicht ganz so ausgelassen war wie in der Wirtschaftswunder-BRD, die keine "Ost-Zone" mitschleppen musste.

 


190 SL 1955

Anders in Stuttgart:

1955 geht der Vierzylinder-Sportwagen 190 SL im Werk Sindelfingen in Serienproduktion. Als sportlich-eleganter zweisitziger Reise- und Tourensportwagen konzipiert, wurde der intern W 121 genannte Wagen rasch sehr beliebt, verbindet der 190 SL doch gekonnt ein rassiges Äußeres mit den bekannten Mercedes-Qualitäten. Zunächst gibt es ausschließlich den Roadster mit Stoffverdeck (Preis 1955: 16.500 D-Mark). Im Herbst gesellen sich dann ein Coupé mit abnehmbarem Hardtop, wahlweise mit oder ohne Stoffverdeck hinzu (Preis September 1955: 17.650 D-Mark / 17.100 D-Mark). Bis Februar 1963 entstehen 25 881 Exemplare, die meisten davon werden in die USA ausgeliefert.

 

 

Die Vorgeschichte: Im Februar 1954 fällt auf der „International Motor Sports Show“ in New York (6. bis 14. Februar) am Stand von Mercedes-Benz viel Licht auf den neuen Supersportwagen 300 SL Coupé (Typ W 198). Doch der gleichzeitig dort präsentierte 190 SL Roadster, gern als „kleiner Bruder“ des Flügeltürers tituliert, steht deswegen nicht im Schatten: Auch er erfreut sich äußerst positiver Resonanz, so dass der Serienbau beschlossen wird. Der 190 SL und der 300 SL gehen zurück auf die Initiative des amerikanischen Mercedes-Importeurs Maximilian Hoffman, der beiden Typen große Chancen für den US-Markt gibt – und er wird Recht behalten, beide Baureihen verkaufen sich sehr erfolgreich. Der 190 SL ist auf Basis des „Ponton-Mercedes“ der Baureihe W 120 entwickelt worden und von vornherein als Roadster konzipiert. Im Vergleich zum 300 SL-Flügeltürer ist der 190 SL aber kein reinrassiger Hochleistungs-Sportwagen, sondern ein sportlich-eleganter zweisitziger Reisewagen mit Alltagsqualitäten.

 

Der Prototyp des 190 SL

 

Die von Karl Wilfert und Walter Häcker entworfene Karosserie des 190 SL, ist eng an den 300 SL angelehnt. Das im Februar 1954 in New York gezeigte Exemplar ist ein Prototyp, der weder technisch erprobt noch stilistisch so perfekt wie die spätere Serie ist. In beiden Punkten wird der 190 SL sorgfältig überarbeitet, und im März 1955 präsentiert Mercedes-Benz auf dem Automobilsalon Genf die endgültige Ausführung. Sie hat im Vergleich zum Prototypen deutliche Unterschiede: Die stilisierte Ansaughutze auf der Motorhaube ist entfallen, die Vorderkante der Motorhaube wurde nach hinten verlegt und der Vorderwagen stilistisch ähnlicher dem 300 SL gestaltet. Bei der Serienversion werden auch die hinteren Radausschnitte durch die sogenannten „Zischer“ betont, die dem Wagen vollends zum kleinen Bruder des Flügeltürers machen. Die Stoßstangen, Blinker und Rückleuchten sind modifiziert. Das Werk Sindelfingen produziert bereits seit Januar 1955 die Vorserie, die Hauptserie läuft im Mai an.

 

 

Sportliche Rundinstrumente, Blinker am Hupring, Mittelschaltung

 

Die Fachpresse lobt den 190 SL für seine sicheren Fahreigenschaften. Dafür sorgt unter anderem die bereits vom Typ 220a bekannte Eingelenk-Pendelachse mit tief gelegtem Drehpunkt. Die Vorderradaufhängung einschließlich des Fahrschemel-Konzepts hat man vom Typ 180 übernommen, von dem auch die Bodengruppe stammt, die freilich verkürzt ist.

 

Neu entwickelt ist der 1,9-Liter-Ottomotor. Das Vierzylinder-Aggregat hat eine oben liegende Nockenwelle und gilt als Urvater einer ganzen Motorenfamilie. Im 190 SL leistet es 105 PS (77 kW) bei 5700/min, die den Roadster in 14,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen lassen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt respektable 170 km/h – damit ist man auf den Straßen der Fünfziger und Sechziger Jahre sehr schnell unterwegs. Der Benzinverbrauch wird mit recht moderaten 8,6 Litern angegeben, der 65-Liter-Tank sorgt für eine angemessene Reichweite.

 

Das Hardtop der späteren Version wertet den Wagen zusätzlich auf, Kennzeichenbeleuchtung in den Stossstangenhörnern.

 

Während seiner Produktionszeit erfährt der 190 SL zahlreiche Detailverbesserungen. Deutlich erkennbar sind die breiten Chromleisten am oberen Türabschluss (Einführung März 1956) und größere Rückleuchten (Juni 1956, wie auch bei den Limousinen-Typen 220a, 219 und 220 S verwendet). Im Juli 1957 wird die hintere Kennzeichenbeleuchtung in die Stoßstangenhörner verlegt, um die Montage breiterer Kennzeichenschilder zu ermöglichen. Damit gehören die hinteren Stoßstangenhörner zur Grundausstattung, vorn sind sie gegen Aufpreis erhältlich; die USA-Ausführungen hatten sie schon immer rundum serienmäßig. Parallel zur Einführung der Heckflossen-Baureihe (W 111), gibt es ab Oktober 1959 ein neues Hardtop mit Panorama-Heckscheibe. Im August 1960 wird das Schloss des Kofferraumdeckels geändert, gleichzeitig ersetzt ein Muschelgriff den zuvor verwendeten Bügel. 1963 läuft der letzte 190 SL aus der Fertigungshalle, insgesamt sind es 25 881 Stück geworden.

 

Eine kurze sportliche Karriere:

In den ersten Prospekten ist eine Sportvariante des 190 SL dargestellt: Türen aus Leichtmetall, kleine Renn-Windschutzscheibe aus Plexiglas, kein Verdeck, keine Stoßstangen, kein Wärmetauscher und wenig Dämmmaterial lassen diese Version nur rund 1000 Kilogramm wiegen, etwa 10 Prozent weniger als der Serien-Roadster. Technisch ist der Leichtbau-190 SL nur wenig verändert: etwas Feinarbeit am Motor, Tieferlegen der Karosserie, Sport-Stoßdämpfer und modifizierte Federn zählen zu den wesentlichen Maßnahmen. Die gebaute Stückzahl ist nicht dokumentiert, wenige Exemplare dieser Sportausführung gelangen in Kundenhand.

 

Seinen größten Erfolg erzielt der Sport-190 SL 1956 beim Sportwagen-Grand Prix von Macao, eingesetzt vom Daimler-Benz Importeur aus Hong Kong. Der rechtsgelenkte Roadster belegt Platz 1 vor einem Ferrari Mondial und verschiedenen Jaguar und Austin-Healey. Im gleichen Jahr erringt der Mercedes-Generalimporteur von Marokko beim Großen Preis von Casablanca einen Klassensieg (GT bis zwei Liter Hubraum). Aufgrund von Rennsportbestimmungen wird die Idee des Sport-190 SL allerdings nicht weiter verfolgt: Das wie beschrieben modifizierte Fahrzeug würde bei vielen Wettbewerben als Seriensportwagen eingestuft und wäre damit chancenlos gewesen. Zudem verhindert ein Beschluss der Rennbehörde FIA (Fédération Internationale de l'Automobile) eine Einstufung als GT-Fahrzeug, demzufolge sich auch ein Gran Turismo vollständig schließen lassen muss – eine Bedingung, die der umgerüstete 190 SL nicht erfüllen kann.

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